Stadtgang (9)

Zum Schluss dieses verrückten Jahres nochmal ein Blick auf die Stadt, in der ich jetzt schon weit mehr als ein Jahr lebe. Hamburg, hoffentlich immer wieder für Überraschungen gut. Die geneigten Betrachter können die hier etwas wirr aussehenden Einzelfotos anklicken, sie öffnen sich dann groß und lassen sich wie eine Diashow betrachten:

An der kleinen Alster spielte jemand Beatles auf einem Akkordeon, in den Arkaden das klang richtig gut (Preisfrage: in welchem Beatles-Song kommt ein Tritonus vor?) Hier und dort schliefen die Heimatlosen schon in den Hauseingängen. Die Bäcker blieben auf ihren Käsestangen sitzen, die U-Bahnen waren voll. Ja, überall sind Deine Spuren zu sehen.

Auch dieses Café probierten wir aus, Qualität und Service stimmten nicht, schon gar nicht gemessen an dem Platz, wir waren schnell einig. Ich müsse das Ende akzeptieren, ich hätte keine Wahl, sagen sie alle. Und dann wieder und wieder Verständnis haben?

Auch heute morgen, in O., hätte ich Dir begegnen können, S., um die Ecke, hat Dich auch gesehen, H. hat so unglaublich viele Wege. Wo bist Du nur geblieben?

Hätte ich nur

Hätte ich nur immer den richtigen Ton gefunden, das richtige Maß an Nähe und Distanz, die Ruhe abzuwarten, was geschieht, die Bestimmtheit zu sagen, was für mich sein darf und was nicht, die Gelassenheit auch einen Tag ohne Dich als Gewinn zu sehen -

Nein, dieser Konjunktiv ist falsch: Fast nichts würde ich anders gemacht haben wollen, auch jetzt nicht. Was für Deine Entscheidung nicht gilt, das kann niemand erwarten. So werde ich hier heute erst einmal allein sitzen, so ist das nun.

Du und ich

Irgendwo steckt Dein schwarzer Haarschopf. Wir gingen die P.-straße entlang – als Junge mein mehrfacher Weg, wöchentlich. Ich registriere für mich, welche Häuser noch stehen. Wo neues Leben eingezogen ist. Ich versuche, die Erinnerungen in Einklang zu bringen mit der Gegenwart. Dann ein Blick in die S.-kirche, hier ist eine Theaterkulisse aufgebaut; wir zählen die Bäume ringsum für Dein Spiel; nehmen schräg gegenüber an der Haltestelle Platz, gehen weiter zum P.teich.

Ich weiß nicht, ob Du Dich noch daran erinnerst. Ob sich das auch Dir eingebrannt hat in die Seele. Ob Du darüber nachdenkst, ob Dein Schritt, einfach zu gehen, richtig war. Das wüsste ich gern: Ob Du mich in den letzten Wochen vermisst hast, nur ein einziges Mal.

Das gefällt Dir

Ich habe, wie Du vermutlich auch, am Ende des Umwelthauptstadt-Projekts in Hamburg eine Menge einzuwenden gegen das offizielle Gebaren der Stadt, was Umweltschutz angeht – aber ob es der richtige Kommentar ist,  mit Krakelschrift den Ausstellungscontainer am Hauptbahnhof zu verzieren, das fragt sich doch. Oder was sagst Du?

Respekt, Liebermann!

Er muss gearbeitet haben, wie ein Wahnsinniger, der Liebermann. Anders ist die Fülle der Bilder, die gerade in der Hamburger Kunsthalle zu sehen ist, nicht zu erklären. Die Gründlichkeit der Studien, der Blick für Details, die offenkundige Beherrschung des Handwerks – das beeindruckt sehr. Landschaften, Menschen, Meeresszenen, Häuser, Gärten, Porträts – die zeichnen sich dadurch aus, dass vom Porträtierten ein Wesenszug deutlich wird – es ist schon ziemlich unglaublich, was – sehr zahlreiche – Besucher hier zu sehen bekommen. Die Ausstellungstexte stoßen durch allzu kunsthistorischen Duktus hier und dort ab – das liest man nicht zu Ende. Warum Liebermann ein Wegbereiter der Moderne war, blieb – jedenfalls mir – verborgen. Respekt, Liebermann! Und auch hier: Hingehen!

Blick auf H.

Zu sagen, ich wäre “nur auf Dich” fixiert gewesen, wird mir nicht gerecht, weil es das Weitergehen, das Auseinandersetzen mit mir, das Erkennen von Schritten pauschal unter den Tisch kehrt – als würde ich, mit meinen Wünschen und Hoffnungen, meiner Sehnsucht nach Zuhause sein, nicht wirklich gelten -

Du merktest nicht, wie Du mich, glücklicherweise nicht allzu häufig, in diesem einen Moment völlig unangemessen behandelt hast – S., Euer Verhältnis ist, dabei bleibe ich, wie Schwestern zueinander, hat Dich ein paar Stunden später deutlich dafür kritisiert; vielleicht gehört sie zu den wenigen Menschen, die das dürfen -

Gestern war ich noch einmal an dem Platz, wo wir uns das erste Mal trafen – was kann der Platz dafür? Und wer kann an der entstandenen Situation etwas zum Besseren wenden? Es wird jeden Tag schwieriger . . .

Stadtgang (8)

Es gibt Tage, an denen es nicht gut werden will. An denen der Schmerz zupackt, wenn ich allein bin. Es ist egal, dass ich wütend sein müsste, dass wieder alles so gekommen ist. Dass anderes passiert, wiegt es nicht wirklich auf. H. wird für mich immer mit Dir zu tun haben: mit unserem Frühjahr, unserem Sommer und der besonderen Geborgenheit, die aus Heiterkeit, Zutrauen und Neugier kam. Und vorsichtigem Tasten, wieviel das aushalten kann.

Ich wollte in meinem Leben nicht mehr so allein sein, wie ich jetzt bin. Und das hätte nicht sein müssen. Nicht, weil der blöde Spruch, man “werde für dieses Problem eine angemessene Lösung finden” auch für uns gilt. Es könne sein, dass es auch beim besten Willen nicht möglich sei, hast Du im Auto zu mir gesagt, als wir aus O. zurückfuhren. Ich bin entschieden anderer Meinung, und das ist der Punkt. Mehr ist hier nicht zu sagen.

Die Gegenwart? Manchmal ist sie nicht auszuhalten, jedenfalls nicht für mich.

Hingehen!

Natürlich, Udo kann stolz sein, dass eine wirklich gut gemachte Schau die ersten 40 Jahre seiner künstlerischen Arbeit als Schlagzeuger (wer weiß noch, dass er bei “Passport” war?), Sänger und Maler zu Lebzeiten im MKG gezeigt werden. Das heißt schon was: Er hat wichtige Weichen gestellt, zeitlos schöne Songs geschrieben (“Cello”), vielleicht gar Schnodder und Poesie vereint. Selten habe ich eine Schau gesehen, die so souverän mit verschiedenen Medien umgeht – Malerei, Foto, Platttencover, Filmausschnitte, Möbel, “Udo-Reliquien”. Sehr schön gemacht.

Bei mir jedenfalls blieb übrigens eine Musik im Ohr hängen, die noch zeitloser ist: Keith Jarretts “Köln Konzert” lief als Dauerschleife an einem Ende der Ausstellung. Hingehen!

Noch einmal

Weißt Du, grün ist es nicht mehr. Die Leute haben ihr Grillzeug reingeräumt, die Sträucher sind verblüht, den Blick zu den Kirchen gibt es noch, manchmal kann ich die Autobahn sehen. H. ist immer noch da, wenn ich aufstehe. Du hast den Blick aus meiner Wohnung immer bewundert, schon die wenigen Schritte zur Tür in meine Hütte haben Dir gefallen – Dir gehe ich immer entgegen, wenn Du kommst. Einmal wusste ich nicht, was passieren würde, als Du unten einparktest, mit Deinem hellen Rucksack zur Haustür gegangen und in den Aufzug gestiegen bist. Durch die Tür hörte ich Dich lachen und mit den anderen Leuten im Aufzug scherzen. Dann hast Du mich umarmt, als Du herauskamst, wir küssten uns, blieben eine Zeitlang stehen. Dann bot ich Dir einen Kaffee an.