Unterwegs im grünen, kulturvollen Portland/OR an der amerikanischen Westküste
Portland? Nie gehört? Es ist auch weit weg: Fast 24 Stunden ist man aus Deutschland bis in den amerikanischen Nordwesten unterwegs. Es gibt viel zu sehen: Die Halbmillionenstadt am Willamette gibt sich nicht nur ziemlich grün, sondern hat auch ein hochklassiges Kulturangebot zu bieten, das nicht an den großen Geldbeutel gebunden ist. Dass unser Rundgang im Nachbarort Vancouver – und damit schon im nächsten Bundesstaat – beginnt, ist Zufall.
„Is this a german accent?” Ein Verkäufer im “Starbucks” knüpft ein Gespräch an, als unser Handel eigentlich längst erledigt ist. Ich bejahe. Wie lange ich schon in Amerika lebe? Ich sei nur für drei Wochen in den Ferien. Welches Land mir besser gefalle? Man könne sie schlechterdings nicht vergleichen, gebe ich zurück. „Ich liebe Deutschland“, schwärmt er und springt ins Deutsche: „Ich habe bis vor 16 Jahren in der Tschechischen Republik gelebt.“ Wir müssen aufhören, die Schlange an der Kasse wird zu lang.
Ich suche mir draußen einen Platz. Die Main-Street in Vancouver, einem der Nachbarorte von Portland, gibt sich gemütlich. Ein paar kleine Geschäfte, ein Einkaufsmarkt, Autos brummen vorbei. Gegenüber eine Autowerkstatt: Über ihren Dächern ein wildes Kabelgewirr, ein paar Schritte weiter beginnt eine kleine Siedlung aus den unverwechselbaren, amerikanischen Holzhäusern, von denen keines dem anderen gleicht. Sie sind, wenn auch nach europäischem Maßstab alles andere als ökologisch, durchaus gemütlich: Einen Tag später sitzen wir abends bei Vance bei einem heiteren Essen zusammen. Meine Gesprächspartner gehören zum amerikanischen Mittelstand: Architekten, Computerfachleute, eine Krankenschwester. Alle arbeiten sie wie die Wahnsinnigen: Zwei Wochen, manchmal drei Wochen Urlaub haben sie im Jahr – nicht mehr.
Um so mehr erstaunlich, ja entwaffnend, ist die freundliche Offenheit der Amerikaner. „Schreiben Sie ein Tagebuch?“ –„So etwas in der Art, ja.“ – „Wo kommen Sie her?“ –„Aus Deutschland“. Henry, mit dem ich mir den Tisch teile, als ich das erste Mal in dem Café war, bekennt freimütig, er habe in seinem ganzen Leben Vancouver nie verlassen. „Welcome in the United States!“ sagt er und drückt mir über den Tisch weg die Hand.
Ich steige in den Subaru, den mir Freunde zur Verfügung gestellt haben, und fahre nach Portland hinüber. Auf den amerikanischen Highways geht es anders zu als hierzulande: Zwar wird bei weitem nicht so schnell gefahren wie auf deutschen Autobahnen (das höchste der Gefühle waren 70 Meilen/Std., also etwa 112 km/h), aber dafür sind die wesentlich längeren und höheren Lkws in der Regel mit derselben Geschwindigkeit wie die Pkws unterwegs Portland ist eine Stadt der Brücken, die für sich eine Geschichte wert wären: Ganz in Stahl, einige auch ganz in Beton, überspannen den Willamette, oder auch den Columbia River. Die Gliederung der Stadt ist übersichtlich und nachvollziehbar: Adressen setzen sich aus der abgekürzten Himmelsrichtung, dem Straßennamen und der Hausnummer zusammen; die südlich verlaufenden „Avenues“ sind zumeist durchnumeriert, die ost-westlich führenden Straßen tragen Namen. Doch Vorsicht: Solche Straßennamen können sich schon mal in einem anderen Stadtviertel wiederholen, es lohnt also, genau hinzusehen.
Portland ist eine grüne Stadt, und die Halbmillionen-Metropole ist eine voller Kultur. Geradezu magisch anziehend ist Powell’s: Auf fünf Etagen finden sich Bücher zu allen nur denkbaren Themen. Reizvoll ist nicht nur das angeschlossene Café, außergewöhnlich ist auch die Tatsache, dass gebrauchte und neue Bücher „durcheinander“ verkauft werden. Dazu gibt es Lesungen: Thom Hartmann zum Beispiel, mit seinem Buch „What would Jefferson do?“, spricht gut zwei Stunden vor vollem Haus. Erinnert, äußerst lebhaft, an den Ursprung der amerikanischen Unabhängigkeit, die „Boston Teaparty“ im Jahr 1773. Demokratie, sagt er unter Berufung auf den amerikanischen Urvater Thomas Jefferson, sei ein „absoluter Teil von uns“, ja geradezu in der DNS angelegt. Er beschwört seine Zuhörer, die Geschichte wieder aufzuwecken. Amerika – und das hört sich in europäischen Ohren befremdlich an, obwohl es so nicht gemeint ist – müsse wieder zu einer Hoffnung für die Menschen werden.
Grün ist die Stadt auch wegen dem stillen, ja fast leisen Loren Fennell, den ich auf der anderen Seite des Flusses besuche: Er veranstaltet Biodiesel-Workshops und zeigt seinen Zuhörern, wie man ein konventionelles Auto auf den Mischbetrieb von Diesel und Pflanzenöl umrüstet. Es komme darauf an, das Denken der Leute zu ändern, sagt er – der sich sehr geschickt zurückhält, um die Ölindustrie nicht allzu sehr auf sich aufmerksam zu machen. Wer erlebt, wie total die amerikanische Gesellschaft auf das Auto ausgerichtet ist, schätzt die Bedeutung Lorens gleich ganz anders ein.
Ein paar Tage später macht Al Gore nur wenige hundert Meter entfernt in einem Kongresscenter Station: Der ehemalige „Vicepresident“, sichtlich gelöst und erfreut über den begeisterten Empfang, der ihm von mehreren hundert Zuhörern bereitet wird, redet zwei Stunden mit sehr aktuellen Bildern von der globalen Klimaerwärmung. Es müsse nun endlich zu einschneidenden Änderungen kommen, ruft er in den Saal. Portland, fügt er hinzu, sei da ja führend: Die immer noch fehlende, amerikanische Ratifizierung des Kyoto-Protokolls hat die Stadt für sich vollzogen – wie viele andere amerikanische Städte auch.
Gore kommt aus New Orleans. Mit privat gecharterten Flugzeugen hat er Flüchtlinge aus der überschwemmten Stadt geholt. Der Ärger unter den Amerikanern über das Versagen ihrer Regierung ist groß: Sie schimpfen darüber, dass ihr Präsident zunächst das – überwiegend schwarze – New Orleans nur überflogen hat, aber im – überwiegend weißen – Biloxi landete und mit Opfern sprach. Dave, ein überaus kluger, sehr nachdenklicher Häuserbauer, sieht einen Zusammenhang mit dem „September eleven“. Kriegsrecht über eine Gegend zu verhängen, sei ein Modellfall – und er fürchtet sogar, dass der Begriff des Terroristen um den des Flüchtlings erweitert werden könnte.
Zwischendurch wieder Kultur: „Shakespeare in the park“. Eine Schauspieltruppe tourt seit Jahren durch die Parks der Stadt und bringt die Stücke des Großmeisters auf die Bühne – gegen Spenden. Die Inszenierung ist ausgezeichnet – gut bestückt mit Proviant lauschen ihr weit mehr als nur eine Handvoll Zuschauer. Oder ins Konzert: Die Band mit dem eigentümlichen Namen „3 LEG TORSO“, eine Truppe aus Geiger, Akkordeonspieler, Bassist und zwei Schlagzeugern reist mit ihrer rasend schnellen Crossover-Musik durch die Lokale einer Kette, die historisch wertvolle Gebäude vor dem Abriss bewahrt und zu Gaststätten umbaut – wir hören ihnen in einer ehemaligen Schulturnhalle zu. Auch Klassik gibt es umsonst: Das Oregon Symphonie-Orchester liefert an der „Waterfront“ am Rande des Stadtzentrums ein „Best of“-Konzert mit Beethoven, Tschaikowski, Bartók und anderen ab – selbstverständlich mit „Star spangled banner“ vorneweg und knalligen Salutschüssen mit mächtigem Feuerwerk hinterher. Auch hier eine große Menge Zuhörer – und durchaus untypische für ein klassisches Konzert.
So kann man seine Tage gut verbringen. Wären da nicht die vielen, sichtlich mehr werdenden Armen, die auf der Straße leben. Gäbe es nicht die Menschen, die einen auch im simplen Wohnviertel um 50 Cent anbetteln. Hörte man nicht nachts mal einen Schuss knallen oder sähe im Vorbeifahren Leute in eine recht handgreifliche Auseinandersetzung vertieft. Die amerikanische Gesellschaft, so scheint es, steht unter mächtigem Druck. Wie lange sie den noch wegsteckt, ist die Frage.
(2005)

