Stadt der Engel: Was für ein Buch

Vielleicht ist es keine Neuigkeit, zu sagen, dass gute Literatur immer auch zu mir und zu Dir spricht: Es gibt Sätze in diesem Buch, die sind, als wären sie für mich direkt geschrieben. Sie betreffen mein Innerstes, mein privates Leben. Daß eine Krise eben dauere, so lange sie dauere – zum Beispiel. Dass es dafür keine Gründe brauche. „Stadt der Engel oder The Overcoat of Dr. Freud“, das neue, große Buch von Christa Wolf, ist so ein Buch.

Christa Wolf erzählt keine wirkliche Geschichte im klassischen Sinn. Was man Fiktion, Handlung nennen könnte ist allenfalls angedeutet – und ohnehin nicht wichtig. Es gibt eine Fülle von Bedeutungsebenen, ein Flechtwerk von Geschichten, Erinnerungen, Porträts und Beobachtungen, dazu Zitate, Assoziationen. Äußerlicher Rahmen dieses Schreibens ist Wolfs Aufenthalt in Los Angeles als Getty-Stipendiatin exakt zu der Zeit, als ihre – gewiss mit etwas Hysterie überbewertete – Verstrickung in das doof-gemeine System der Informellen Mitarbeiter (IM) in der Frühzeit der DDR bekannt wurde. Christa Wolf verteidigt sich nicht, im Gegenteil: Sie setzt sich rücksichtslos gegen sich selbst mit der Frage auseinander, wie sie diesen Umstand habe vergessen können.

Doch, wie schon die viel jüngere Kassandra-Geschichte, verträgt auch dieses Buch kein Etikett. Es ist kein Anti-Stasi-Buch, es ist kein Altersroman (eigentlich ist es überhaupt kein Roman), es ist kein Tagebuch. Christa Wolf bringt die ineinandergreifenden, abbrechenden, nicht linearen Gedanken, das „Tonband im Kopf“ aufs Papier. Aber nicht zufällig und ungestaltet, sondern doch einem genauen Plan folgend. Zu den vielen unterschiedlichen Bedeutungsebenen gehört auch die Beobachtung, dass mir keine Autorin einfallen will, die so viele Gespräche notiert (und fast nur in indirekter Rede). Das ist nicht nur virtuos, sondern zugleich in Sinnbild dafür, welchen Stellenwert sie dem miteinander Reden beimisst. Wer Schwächen sucht, mag sie allenfalls darin finden, dass C.W. beiläufig auch noch amerikanische Restaurants kritisiert – hier wäre ein wenig Verzicht glaubhafter gewesen.

Dass Christa Wolf, die inzwischen 81 Jahre alt ist, noch einmal zu einem so umfangreichen Buch Anlauf nimmt, ist wohl unwahrscheinlich. Die beiden Preise, sehr schnell verliehen, sind überaus gerechtfertigt. Nicht zuletzt: „Die Stadt der Engel“ ist gut für ein zweites, drittes Lesen – und ein forschendes Tiefergehen in diesen Text.

(2010)

 

Von der Sehnsucht nach Transzendenz

Christa Wolf zeigt erneut, wie sie liest und was man daraus gewinnen  kann

Es sind gut 170 Seiten, nicht mehr. Ein kleines Taschenbuch, das man überall hin mitnehmen kann. Und, sehr bald, auch will: In die S-Bahn, ins januarwarme Freiluft-Café, an den Schreibtisch. Und man liest Christa Wolfs Suhrkamp-Bändchen „Der Worte Adernetz“ mit einem Stift in der Hand; um die wichtigen Sätze, die natürlich über das Buch hinausweisen, anzustreichen, mitzunehmen. Und davon gibt es einige.

Das Büchlein versammelt Texte Christa Wolfs über andere Autoren und ihr wichtige Menschen: Heinrich Böll, Volker Braun, Günter Gaus, Elisabeth Langgässer, Hans Mayer, Irmtraud Morgner, Inge Müller, Brigitte Reimann, Nelly Sachs, Anna Seghers, Hermann Sinsheimer, Kurt Stern, Maxie Wander und Kurt Wolf. Über sie schreibt die Wolf in einer Weise, dass man, auf Entdeckungsreise in einem Freiburger Antiquariat, einen Lyrikband von Inge Müller, die mehr war als Heiner Müllers Ehegattin, sofort kauft und mitnimmt. Wer Christa Wolfs Werke kennt, findet den vertrauten, zumeist intensiven, virtuosen Ton ihrer Sprache wieder, der auch den scheinbar unwichtigen Eindruck am Rande noch mit aufnehmen will.

Das Vorwort, einer der wenigen noch nicht anderweitig publizierten Texte, beschreibt ein Gespräch. Dass Christa Wolf sommers seit Jahren in Mecklenburg-Vorpommern, im Dörfchen Woserin, lebt, ist kein Geheimnis. Sie legt die Gliederung ihres Bändchens, an dem sie arbeitet, auf den Küchentisch ihres (einstigen) Pfarrhauses. Freunde kommen, es wird schnell eine große Runde, die sich um die Frage bemüht, welchen Zweck und Sinn Literatur in unserer Gegenwart hat. Christa Wolf schildert ein lebhaftes, durchaus in die Tiefe gehendes Gespräch. Einig ist sich die Runde darüber, „dass uns, mit raffinierten und mit gewaltsamen Mitteln, eine Ersatzwelt untergeschoben wird, die uns zu kritiklosen Konsumenten machen soll“. Das sitzt. Und Christa Wolf zitiert eine Pfarrerin aus der Runde: Literatur „auch wenn sie alles andere als fromm ist, sei eine gesteigerte Wirklichkeit und erwecke ihren Lesern die Sehnsucht nach einer Transzendenz jenseits der globalisierten Welt der Waren“.

Die Texte des Buches, es sind Reden und Essays, zeigen die Arbeitsweise der Schriftstellerin immer wieder neu. In ihrem „Versuch über Nachbarschaft und Unvereinbarkeit“, der Verbindungen zwischen Anna Seghers – dass eine Zeit begonnen hat, in der viele ihr Werk nicht mehr kennen, bemerkt Christa Wolf zurecht kritisch – und Elisabeth Langgässer beleuchtet, ist es fast beiläufig zu finden: Sie trägt Funde zusammen, „die überraschende Berührungspunkte dokumentieren mit einem Leben, einem Werk, einer Denkweise, die mir seit langem vertraut sind“. Sie stellt dann Zusammenhänge her: „Und dann können wir womöglich unser wahres Interesse erkennen, die Solidarität mit den Verlierern jenes ungeheuren Umverteilungsprozesses nämlich, der in diesen Jahren unter dem Vorwand ökonomischer Zwänge unser Leben und unsere Werteskala von Grund auf in Frage stellt. Wenn uns das gelänge, hätten wir wohl etwas von dem Vermächtnis angenommen, das Böll uns hinterlassen hat“.

Ist nichts einzuwenden? Nichts, was das Buch insgesamt infrage stellte. An ein, zwei Stellen wiederholen sich Gedanken, weil Texte zum selben Autoren, die ursprünglich getrennt erschienen, hier zusammen geführt wurden. Alles in allem ist „Der Worte Adernetz“ aber eine sehr inständige und letztlich überzeugende Aufforderung und Begründung  zum Lesen, und das ist sehr viel.                                 (2007)

Christa Wolf, Der Worte Adernetz, Essays und Reden, Edition Suhrkamp 2475, 9 Euro

Loest vs. Wolf

Es hat in meinen Augen etwas von Nachtreten, was ich da von Erich Loest und seiner Kritik an Christa Wolf lese. Ich habe Verständnis dafür, daß Loest eine sehr entschiedene Meinung zur DDR vertritt, aber man kann C.W. sicher nicht als bloße Pro-Akteurin sehen.