Yufka, Fußball und Piazzolla

Schüler und Lehrer der Waldkircher Musikschule verbreiteten Tangozauber bei „Taksim“

Waldkirch. Dieses Konzert hatte von allem etwas. Es war gewohntes Schülervorspiel (Marie-Christin Huss und Manuel Pfändler) und Schülerensembleauftritt (Henrik Böttger, Karin Haberstroh, Svenja Mohr, Matthias Treber, Beate Bruggmoser mit Annette Rießner) und hochklassiges Lehrerkonzert (Claudia Liske, Susanne Hans, Annette Rießner, Stefan Goeritz und Katrin Teschke). Alle, die am ungewohnten Montag an der Gaststätte „Taksim“ im Freien spielten, mussten sich mit der kniffligen Akustik eines Freiluftkonzerts und diversen Nebengeräuschen auseinandersetzen. Ein absolut außergewöhnliches Konzert.
Das Schülerensemble begann; eingeflochten waren die allein spielenden Marie-Christin Huss (E-Piano) und Manuel Pfändler (Keyboard). Es gehört schon etwas dazu, sich an die Musik Astor Piazzollas zu wagen, die nicht nur virtuoses Geschick, sondern auch eine Menge Leidenschaft fordert – das klagende „Oblivion“ ist so ein Beispiel. Die Schülerrunde, klug und umsichtig von der mitspielenden Annette Rießner durch die Klippen der Klänge geführt, gibt zu schönsten Hoffnungen auf weitere Auftritte Anlass.
Dann setzten die Lehrerinnen und Lehrer zu einem hochklassigen Reigen in wechselnden Besetzungen an. Nur wenige Beispiele: Claudia Liske (Geige) zusammen mit Annette Rießner (die im Lauf des Konzerts immer wieder vom Akkordeon zum Bandoneon wechselte) lieferten nicht wenig Schmelz, Musikschulleiter Stefan Goeritz nahm zu einem hochvirtuosen Solo mit seiner E-Gitarre auf dem Verstärker Platz, schließlich folgten drei schwierige, teilweise längere Tangos, die allen Beteiligten eine Menge abverlangten. Dass hier Leute miteinander Musik machten, die auch sonst mehr als gut miteinander können, war deutlich zu spüren. Bitte gelegentlich mehr davon (vielleicht nicht erst zum nächsten Lehrerkonzert im Herbst).
Es fehlte, das sei am Rande vermerkt, der von sonstigen Musikschulauftritten gewohnte Programmzettel – sonst passte schlicht alles, selbst die mühsam unterdrückte Begeisterung nebenbei Fernsehen schauender Fußballfans gehörte irgendwie dazu; das unvermeidliche Hupen setzte erst später in der Nacht ein. (2008)

Hilft das Singen noch?

Adrian Oswalt gastierte im Waldkircher Orgelbauersaal

Es ist, gewiss, mehr als bemerkenswert, dass die Konzertreihe im Waldkircher Orgelbauersaal ein anhaltender Erfolg zu werden verspricht: Auch die zweite Veranstaltung der diesjährigen Reihe am vergangenen Freitag war bestens besucht. Das spricht für ein hohes Interesse an Kultur, das für eine so kleine Stadt wie Waldkirch nicht eben selbstverständlich ist – ihr aber wunderbar zu Gesicht steht. Dass die Veranstalter, wie offensichtlich zeitweise erwogen, das Oswalt-Konzert wegen des Krieges im Irak nicht abgesagt haben, war ein richtiger Schritt – man hätte diesen Ausdruck von Pietät auch als Kapitulation vor der Stimme der Gewalt missverstehen können; und dass die Waldkircher eindeutig und mehrheitlich gegen den Krieg sind, haben sie vielfach bewiesen.

Adrian Oswalt ist ein Bänkelsänger. Die Drehorgel (natürlich eine Waldkircher) ergänzt er mit Blockflöte, Saxophon, Klarinette und einem kleinen Kinder-Glockenspielchen. Sein Programm „Als das Singen noch geholfen hat“ gibt ein bisschen Unterricht in Orgelgeschichte: Neuss, erfahren die Zuhörer habe einst einen kommunalen „Leierkastenmann“ gehabt. In Paris sei ein Streit um die angebliche Landstreicherei von Drehorglern gerichtlich mit Gutachten hochseriöser Komponisten beigelegt worden. Dazwischen gibt es Balladen, also die „unerhörte Geschichte“ der Novelle in Gestalt eines Liedes. Da geht es um den „Butterräuber von Halberstadt“, da wird der Kartoffel ein Loblied gesungen und Goethes „Werther“ parodiert. Zu den Glanznummern gehört ohne Zweifel das übersteigerte, auf die Spitze getriebene „Rotkäppchen“, das in ein ziemlich hemmungsloses „Fressen und Gefressenwerden“ ausartet. Dazwischen Geschichten und Anekdötchen im hesselnden Dialekt, mit denen Oswalt die „Zurückspulpausen“ überbrückt – hier hätte ich ihn mir lockerer und entspannter gewünscht. Große Namen fehlten übrigens auch nicht: Frank Wedekinds „Ballade von Brigitte B.“ kam zum Zuge und war ein Beispiel dafür, wie Oswalt die Klänge der Orgel hinauszuführen weiß über das Bänkelsängerhafte hinaus, auch die Kombination mit anderen Instrumenten ist beachtlich: Es gehört allerhand dazu, gleichzeitig eine Drehorgel zu betätigen, Akkordeon zu spielen und zu singen. Kurz: Ein heiterer, ein angenehmer Abend, dem auch das Publikum mit Begeisterung folgte. Übrigens: Der Waldkircher Orgelbauersaal ist ein Konzertsaal ganz besonderer Art. Es lohnt sich, zum nächsten Konzert ein paar Minuten früher zu kommen oder auch sonst mal vorbeizuschauen: Der Reichtum der ausgestellten Orgelkostbarkeiten ist beachtlich und immer wieder neu sehenswert. (2003)

Gute Aussichten?

Nach dem Besuch in der neuen Ausstellung der Deichtorhallen, die einen gemischten Eindruck (unentschieden bis phantastisch) hinterließ, hatte ich noch Lust auf eigene Photos:

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Bemerkenswerte Arbeiten

Fünf Lehrer der Markgrafen-Realschule zeigen im Rathaus Emmendingen ihre Kunst – sehr gut besuchte Vernissage

Emmendingen. Der Sonntag gehört nicht zu den üblichen Öffnungstagen des Emmendinger Rathauses. Wer die Vernissage zur Ausstellung “Fünf von Einer” besucht hat, wird aber zu dem Bonmot neigen, dass das schöne Foyer mit seinem großzügigen Treppenhaus und seinen entsprechend spannenden Blickwinkeln bei normalem Alltagsbetrieb selten so viele Leute auf einmal zu sehen bekommt. Darunter übrigens auch erfreulich viele kleinere Kinder, Schüler der ausstellenden Eva Boehm, Sybille Röttgers, Ronny Pfreundschuh, Karin Oehler und Duschan Remenji schienen allerdings eher die Ausnahme zu sein.

Die Arbeiten des Quintetts müssen sich nicht mit der Schublade “Pädagogen-Kunst” zufrieden geben. Die wäre ohnehin ein Missgriff: Nur die wenigsten Künstler können von ihren eigenen Arbeiten sorgenfrei leben, sind also auf den Brotjob Unterricht angewiesen. Wenn einem auch manches bekannt vorkommt – Marilyn Monroe ist als Motiv nun keine Überraschung mehr – ist doch viel Gutes zu sehen, das mehr als den beiläufigen Besuch im Rathaus, wenn man ohnehin dort zu tun hat, lohnt.

Dazu gehören die Arbeiten von Ronny Pfreundschuh. Er zeigt Alltagsgegenstände in Blickwinkel-Serien, die vom Überblick hineingehen bis in das übermäßig vergrößerte Detail. Da wird ein banaler Schokoriegel oder ein miefige Zigarettenkippe auf einmal neu und spannend. Eva Boehm demonstriert mit ihren Fotoarbeiten, das gute Schwarzweiß-Porträts auch in Zeiten digitaler Bilderfluten nichts von ihrem Reiz verloren haben, weil sie das Wesentliche des Fotografierten bloßlegen. Sie verkehrt herum aufzuhängen, ist gemessen an der Substanz der Bilder allerdings merkwürdig unernst. Zusammen mit den Popart-inspirierten Gemälden Duschan Remenjis gesehen, entsteht ein Panorama von ganz eigenem Reiz. Auf hohem Niveau bewegen sich auch die Arbeiten von Karin Oehler – sie malt etwa in Öl auf Gips. Im Nahen zeigt sich ein Halbrelief, von fern eher ein Gemälde.

Musikalisch gab es am Sonntag Reminiszenzen an den Jazz. Thorsten Roth (Saxophon), Heike Eckert (Trompete), Michael Döbele (Posaune), Petra Zai-Englert (Bassgitarre), Ralph Gotzel (Gitarre) und Claus Szymanski (Becken/Cajon) erinnerten u.a. an Louis Armstrong (“What a wonderful world”) und George Gershwin (“Summertime”). Vom Charakter des weltberühmten ursprünglichen Wiegenlieds aus “Porgy & Bess” war allerdings in dieser Interpretation nicht mehr allzu viel übrig. – Bürgermeister-Stellvertreter Joachim Saar betonte in seiner Begrüßung, die Kommune habe “das Foyer gern zur Verfügung gestellt”. Beim Betrachten der Ausstellung sei es ihm das eine oder andere Mal gelungen, aus der Arbeit auf die Person des Künstlers zu schließen, fügte Saar hinzu.

Fachbereichsleiter Hans-Jörg Jenne ließ seiner Begeisterung über die gezeigte Kunst in seiner Einführung freien Lauf. Auch Jenne riet zu weiteren Besuchen, um die Kunst in Ruhe zu sehen. Der Redner würdigte Eva Boehm, die die Ausstellung initiiert hatte und nicht nur Fotos, sondern auch Gemälde zeigt: “Es geht um Schönheit, Ästhetik und Botschaften”, so Jenne, aber eben nicht die typischen der Pädagogen. Ronny Pfreundschuh (“der Mann mit dem Zoom”) wurde von Jenne genau so mit lobenden Worten bedacht wie Karin Oehler. Der Fachbereichsleiter freute sich über das Provozierende in der Popart Remenjis, er würdigte das Zurückgenommene in der Arbeit Sybille Röttgers’, die mit ihren ungegenständlichen, in vielen Rot- und Gelbtönen gehaltenen Gemälden den kleinsten Anteil der Ausstellung bestreitet. “Liebe Schule, schicken Sie Ihre Schüler her”, so Jenne in Richtung Arbeitsstätte der Ausstellenden. Den Weg ins Rathaus sollten allerdings nicht nur Kinder und Jugendliche finden – und gelegentlich wäre mehr aus den Ateliers der Beteiligten interessant. Die Präsentation im Rathaus insgesamt ist gelungen, teilweise mutig (eine Serie Pfreundschuhs lag am Sonntag auf dem Fußboden); im Grunde modern – abgesehen von den häufig zu tief angebrachten Beschriftungen an den Kunstwerken.

Frank Berno Timm (2009)

Eva Boehm, Sybille Röttgers, Ronny Pfreundschuh, Karin Oehler und Duschan Remenji: “Fünf aus Einer”, Gemälde & Fotos, Rathaus Emmendingen; täglich 8-18 Uhr, bis 21. November

Aus meinen Archiven (1)

Nicht nur ein Dokument: Wiederkehrende Glücksmomente

Konstantin Wecker 60 Jahre alt – zum Medienecho des Frühsommers gibt es jetzt ein Nachspiel: eine Doppel-DVD vom Jubiläumkonzert zum Geburtstag im Münchner Circus Krone-Bau am 1. Juni 2007. Die ist weit mehr als nur ein Zeitdokument: Wecker schafft es, hundertmal gehörte Lieder neu zu erfinden. Das als wiederkehrenden Glücksmoment seiner Konzerte zu bezeichnen, ist nicht übertrieben. Er umgibt sich an diesem Abend nicht nur mit einer langen Liste von Berühmtheiten (Wolfgang Dauner, Charlie Mariano, Hannes Wader, Arlo Guthrie), er spielt mit Musikern in seiner Stammtruppe, die von exzellenter Qualität sind (etwa der gerade 24-jährige Schlagzeuger Andi Haberl). Tief unter die Haut gehen die Lieder mit Pippo Pollina – der Italiener wirkt im Vergleich zu Wecker fast schmächtig und hat eine Stimme, die von Gänsehaut erzeugender Kraft und Energie ist. Dass Wecker mit afghanischen und türkischen Musikern auftritt, ist für ihn selbstverständlich, dass er den bayerischen Bluesbarden Willy Michl auf die Bühne holt auch; und es ist nicht ohne Reiz, dass Willy Astor seine Parodie des Liedes, das als sein berühmtestes gelten dürfte („Willy“) in diesem Konzert singen darf.

Die Doppel-DVD ist also mehr als ein bloßes Zeitdokument – sie hält ein großartiges Konzert fest, bei dem man dabei gewesen sein möchte. Schade nur, dass man es damals nötig fand, Wecker Moderator Christoph Süß an die Seite zu geben: Die Gespräche mit ihm wirken im Vergleich zum Konzert zu aufgesetzt, zu unspontan – kurz: weitgehend verzichtbar. Dennoch: eine empfehlenswerte Scheibe, nicht nur für Fans.

Konstantin Wecker & Freunde

Alles das und mehr

Das Jubiläumskonzert zum 60. Geburtstag

Doppel-DVD, 16:9-Format, Sony BMG

(2007)

In memoriam Prof. Dietz-Rüdiger Moser


Heute bekam ich die Nachricht, dass mein Lehrer, Prof. Dietz-Rüdiger Moser, am 23. Mai gestorben ist. Er war, als ich mein Studium beendete, Lehrstuhlinhaber für Bayerische Literaturgeschichte an der Münchner Universität. Wir sind uns auch später mehrfach begegnet, zuletzt 2007, als dieses Foto entstand. Ich verdanke ihm viel. Moser war u.a. Herausgeber der Zeitschrift Literatur in Bayern.

In Ergänzung . . . .

zu meiner Aufmachergeschichte hier will ich noch berichten, dass ich auch jetzt wieder im “Abaton” war.  Zwei Augenblicke hatte ich Zeit, um mich zu entscheiden.”vincent will mehr” – taugt das? Doppelt ja. Die Leute im Kino sind angenehm, der Film erzählt eine nette Botschaft: Hast Du eine Macke, bist Du krank -  es ist gerade egal. Lebe Deine Träume. Und draußen, als ich dann mit dem Eis auf der Faust unterwegs war, fragten sie mich zum ersten Mal nach dem Weg, und ich konnte sagen, wo’s langgeht (sie haben nach dem Kino gefragt, so ist das eben).

Fingerübung


Norah Jones, „Turn me on“

Klavier, Orgel, Schlagzeug – ja, auch Bass. Es erinnert an Gospel, aber die E-Gitarre tritt dazu. Alles sehr sparsam ineinander verwoben, im Vierer-Takt, der aufgelöst wird in eine ruhig schlagende Dreier-, eigentlich Sechserbewegung; zwei Atemzüge Vorspiel: Dann erhebt sich die unverwechselbare, leicht angerauhte Stimme der Norah Jones: „Like a flower, waiting to the bloom“, singt sie, und fügt gleich das nächste Bild an: „like a lightbulb in a dark room“ – das meint mich und Dich und ihn und sie; die wartet, dass er endlich zu ihr zurückkommt; gelassen, sehr frei, geht sie mit dem Rhythmus um, kann sich ausleben auf stoisch sicheren Klangteppich, an dem sie selbst mitwebt auf ihrem Klavier –

Schon die nächste Strophe lässt sie aufsteigen, mühsam gezähmt variiert sie die Melodie, Soul-Koloraturen fließen ein, die Wüste wartet auf den Regen; und der wird – wie passend bei dem Wort, heruntergezogen, Du hörst ihn gleichsam herunterstürzen, fließen, und die Jones singt, als hätte sie alle Platten der großen Janis Joplin im Schrank,

Dann, schließlich, wandelt sich die Strophenmelodie ab, das arme Herz ist finster, seitdem er gegangen sei und er, so steigt sie hinauf zum Höhepunkt, der einzige, der sie wieder zum Leben erwecken könne; und das, natürlich, ist der Höhepunkt des Stücks  –

Schließlich malt die Jones, noch einmal, Bilder, und sie werden bunter, Note für Note ausgeschmückter den Garten der Harmonien durchmessend. Die Poesie nutzt Alltagsmotive, leicht wieder erkennbar: Die Hifi-Anlage wolle eine neue Musik, das Glas ein paar frische Eiswürfel – und das „you“ wird immer wieder neu und anders ausgeschmückt –

Dass das alles einfach, fast schlicht daherkommt, nur in Jones’ Stimme Dramatik, wenn auch gezähmt, steckt – ja, vielleicht ist das der Grund, dass Du seit einer Woche gerade diese Zeilen immer wieder hörst, sie sind weit mehr als „nur“ ein Hit, bewegen sich ohne Umwege mitten in Dein Herz –

(2007)

Aus meinen Archiven: Grau ist nicht gleich Grau

Menschen im Landkreis: Jobst Schneider öffnet am Wochenende sein Atelier in GutachGutach-Siegelau. Der Kontrast könnte größer nicht sein. Wer die alte B 294 von Gutach in Richtung Bleibach fährt und Richtung Gscheid abbiegt, kommt durch eine Landschaft anmutiger Schönheit. Kurz hinter der Kreuzung geht es auf einem kleinen Weg hinauf zum Haus, in dem Jobst Schneider sein Atelier hat. Er bittet hinauf in den ersten Stock: Dort stehen, vorbereitet für den Besuch des Reporters, Bilder, die mit der Natur ringsum gar nichts zu tun haben: Jobst Schneider hat aus Schwarzweißfotos neue Realitäten zusammengefügt, riesige Wände, verwittertes Mauerwerk, alte, manchmal verschlossene Fenster, Schrott-Teile fügen sich zu neuen Wirklichkeiten zusammen. Die Bilder wirken sehr plastisch, sind es manchmal auch, ein neueres hat einen verrosteten Gullideckel in der Mitte. Die komplette, obere Etage des Hauses ist Atelier. Ursprünglich ist Schneider Musiker, war Bratscher an der Deutschen Oper in Berlin. Der Künstler erzählt, dass er schon immer parallel dazu kreativ war. Zwei Jahrzehnte lang arbeitet er im stillen Kämmerlein, „das war schwer“. Schneider geht ein Dreivierteljahr zu einem Bildhauer in die Lehre, lässt sich Handwerk und Techniken beibringen, erst vor sieben Jahren hat der heute 66jährige die erste, eigene Ausstellung; lässt sich dann vorzeitig pensionieren. Ist also, im Gegensatz zu unzähligen Künstlerkollegen, nie in einer materiellen Klemme: „Das ist ein großer Pluspunkt“. Man kommt mit Schneider sehr schnell ins Gespräch. In rasendem Tempo führt er in seine Welt aus Bildern und Plastiken ein. Schneider ist dort am stärksten, wo er auf bunte Farbigkeit verzichtet, wo er Elemente unserer Lebenswirklichkeit zu neuen Realitäten zusammenfügt. Dass da viele dunkle Farben eine Rolle spielen, hört er gar nicht so gerne – und es ist ein deutlicher Kontrast zur offenen Freundlichkeit dieses Mannes. Angefangen hat er mit Plastiken. Dann, erzählt Schneider, kam er nicht mehr weiter. Weil die Formulierung wiederkehrt, die Rückfrage: Was heißt es, nicht mehr weiter zu kommen? „Wenn ich weitermache, würde ich nur noch produzieren“, sagt Schneider. Immer wieder probiert er Neues aus – geht an die Elz, fügt Flusssteine zu Objekten zusammen, versucht geschnittene Bilder, die mit verschiedenen Ebenen spielen. Die Großformate, einige sind aus Objekten zusammengefügt, werden ihm zeitweise zu schwer: „Das war richtige Knochenarbeit, das wollte ich nicht mehr“. Wer Schneiders Arbeiten betrachtet, lernt einmal mehr, dass aus allem, was wir tagtäglich sehen, Kunst entstehen kann. Der Riss auf dem Balkon wandelt sich, im Großformat schwarzweiß fotografiert, zum Wildschwein. Ein Mauerdurchbruch mit dahinter liegendem Ofen wird, etwas bearbeitet, zur verstörenden Erinnerung an die Krematorien in den KZs der Nazizeit. Holzreste, am Wegesrand gesammelt, im Bild zum Uferrand am Fluss. Draußen ist Schneider ohnehin oft unterwegs. Im vorigen Jahr wanderte er von Gutach an den Bodensee, gerade ist er von einer Tour auf dem Westweg (Pforzheim – Basel) wieder gekommen. Im Keller seines Wohnhauses erinnert ein großformatiges Halbrelief an die Leidenschaft der Kletterei im Hochgebirge. Vor vier Jahren ging Schneider mit seiner Frau aus Berlin in den Schwarzwald. „Wir hatten genug von der Stadt, von den grauen Mauern“, sagt er. Dabei zeigt Schneider sehr eindrücklich, dass Grau nicht einfach Grau ist. Am Wochenende öffnet Jobst Schneider sein Atelier, auch die Scheune neben dem Wohnhaus wird genutzt, um seine Arbeiten zu zeigen. Ein Besuch lohnt sich.