Interessante Einblicke in amerikanische Musikerziehung beim Gastspiel des Okemos Highschool Orchestras im Goethe-Gymnasium
Emmendingen. Mozarts Dissonanzenquartett hat es schon in sich. Es verdankt seinen Spitznamen der langsamen Einleitung des ersten Satzes, in dem die vier Instrumente sich in waghalsigen Intervallen durch die musikalische Welt bewegen. Vier junge Leute setzten sich am Mittwoch in der Aula des Goethe-Gymnasiums, in der durchaus Trubel herrschte, hin und spielten, ehe das Konzert des Okemos High School Orchestras begann, genau diese Musik. Was zunächst aussah wie ein „Sich-warmlaufen“, Musizieren, während die – sehr zahlreichen, zumeist edelst gewandeten – Musikerkollegen schwatzend durch die Halle schwirrten, war eine Probe: Die vier wiederholten den Mozart dann im Konzert. Mitten in einem Programm vom Orchesterspiel auf Quartett umzuschalten, plötzlich exponiert und allein sich in einer akustisch gewiss nicht unproblematischen Umgebung freizuspielen, dazu gehört etwas – Respekt vor dieser Leistung.
Das riesige Streichorchester aus dem amerikanischen Bundesstaat Michigan würde es ohne die resolute Marilyn Kesler vermutlich nicht geben. Seit 41 Jahren unterrichtet sich in den Okemos-Schulen und dirigiert gleich mehrere Klangkörper. Ihre Musikerinnen und Musiker folgen jeder Geste, umsichtig, präzise und genau hat sie ihren Klangkörper im Griff – und die Leistungen der Schüler können sich durchaus hören lassen. Wie eine Karriere, die in diesem Orchester beginnt, enden kann, demonstrierte Cheryl House: Die Cellistin spielte von 1969-76 unter Kesler in diesem Orchester, ist inzwischen vielfach ausgezeichnet und hat bei so bekannten Größen wie William Pleeth und Jacquelin Dupre studiert. In Emmendingen kehrte die Musikerin, die heute im Orchestre de la Suisse Romande zuhause ist, an ihre Wurzeln zurück. Sie spielte das C-Dur-Konzert von Joseph Haydn – mit Temperament und Zugriff in den Ecksätzen; wunderbar, fast himmlisch singend und gestaltend im Mittelsatz. Zweifellos ein Höhepunkt.
Man kann freilich in Schulorchester nicht mit den selben Maßstäben wie einen professionellen Klangkörper beurteilen. Kein Profiorchester würde mit derart groß besetzten Registern auftreten – eine Zuhörerin zählte allein 26 Celli. Auch bei der Klangqualität der Instrumente muss man Abstriche machen, teilweise auch bei der Stimmung. Die Maßstäbe bei einem Schulorchester sind andere: Können die jungen Musikerinnen und Musiker ein gutes Programm auf die Beine stellen? Die Antwort ist ja: Dohnanyi, Dvorak, Bach, Leroy Anderson. Johann Sebastian Bach verdient eine weitere Erwähnung: Die Amerikaner musizierten, verstärkt durch einige Emmendinger Schülerinnen und Schüler, die Orgel-Toccata in d-moll. Es war sehr neuartig, wie die vertrauten Töne mit Streichern klangen – mit interessanten, dynamischen Effekten, exakt in den rhytmisch durchaus schwierigen Passagen.
Wie die jungen Musikerinnen und Musiker, die noch bis Freitag in Deutschland unterwegs sind und neben Emmendingen Speyer, Bruchsal, Ludwigshafen und Waiblingen auf dem Tourneeplan stehen haben, dem Stress einer solchen Reise insgesamt gewachsen sind, ist vermutlich die eigentliche Herausforderung für sie.
Schade, wenn nicht gar ärgerlich für die Veranstalter, war allerdings, dass es nur ein sehr kleines Publikum gab. Eigentlich kann man ja auch hierzulande von der „international language of music“, die in manchem netten Grußwort des Abends völlig zurecht beschworen wurde, nur profitieren. Vielleicht gibt es eine zweite Chance, wenn die Amerikaner wiederkommen?
Frank Berno Timm (2007)