Wiederkehrender Genuss

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Ich höre und sehe die DVD von Weckers 60.-Geburtstagskonzert immer wieder mit großem Genuss, entdecke Stücke, die ich lange nicht hörte, so wie dieses – es ist schon ziemlich atemberaubend, wie aus dem Moment heraus virtuoses Improvisieren entsteht, dazu noch … Weiterlesen 

Hilft das Singen noch?

Adrian Oswalt gastierte im Waldkircher Orgelbauersaal

Es ist, gewiss, mehr als bemerkenswert, dass die Konzertreihe im Waldkircher Orgelbauersaal ein anhaltender Erfolg zu werden verspricht: Auch die zweite Veranstaltung der diesjährigen Reihe am vergangenen Freitag war bestens besucht. Das spricht für ein hohes Interesse an Kultur, das für eine so kleine Stadt wie Waldkirch nicht eben selbstverständlich ist – ihr aber wunderbar zu Gesicht steht. Dass die Veranstalter, wie offensichtlich zeitweise erwogen, das Oswalt-Konzert wegen des Krieges im Irak nicht abgesagt haben, war ein richtiger Schritt – man hätte diesen Ausdruck von Pietät auch als Kapitulation vor der Stimme der Gewalt missverstehen können; und dass die Waldkircher eindeutig und mehrheitlich gegen den Krieg sind, haben sie vielfach bewiesen.

Adrian Oswalt ist ein Bänkelsänger. Die Drehorgel (natürlich eine Waldkircher) ergänzt er mit Blockflöte, Saxophon, Klarinette und einem kleinen Kinder-Glockenspielchen. Sein Programm „Als das Singen noch geholfen hat“ gibt ein bisschen Unterricht in Orgelgeschichte: Neuss, erfahren die Zuhörer habe einst einen kommunalen „Leierkastenmann“ gehabt. In Paris sei ein Streit um die angebliche Landstreicherei von Drehorglern gerichtlich mit Gutachten hochseriöser Komponisten beigelegt worden. Dazwischen gibt es Balladen, also die „unerhörte Geschichte“ der Novelle in Gestalt eines Liedes. Da geht es um den „Butterräuber von Halberstadt“, da wird der Kartoffel ein Loblied gesungen und Goethes „Werther“ parodiert. Zu den Glanznummern gehört ohne Zweifel das übersteigerte, auf die Spitze getriebene „Rotkäppchen“, das in ein ziemlich hemmungsloses „Fressen und Gefressenwerden“ ausartet. Dazwischen Geschichten und Anekdötchen im hesselnden Dialekt, mit denen Oswalt die „Zurückspulpausen“ überbrückt – hier hätte ich ihn mir lockerer und entspannter gewünscht. Große Namen fehlten übrigens auch nicht: Frank Wedekinds „Ballade von Brigitte B.“ kam zum Zuge und war ein Beispiel dafür, wie Oswalt die Klänge der Orgel hinauszuführen weiß über das Bänkelsängerhafte hinaus, auch die Kombination mit anderen Instrumenten ist beachtlich: Es gehört allerhand dazu, gleichzeitig eine Drehorgel zu betätigen, Akkordeon zu spielen und zu singen. Kurz: Ein heiterer, ein angenehmer Abend, dem auch das Publikum mit Begeisterung folgte. Übrigens: Der Waldkircher Orgelbauersaal ist ein Konzertsaal ganz besonderer Art. Es lohnt sich, zum nächsten Konzert ein paar Minuten früher zu kommen oder auch sonst mal vorbeizuschauen: Der Reichtum der ausgestellten Orgelkostbarkeiten ist beachtlich und immer wieder neu sehenswert. (2003)

Wie machen es andere?

Interessante Einblicke in amerikanische Musikerziehung beim Gastspiel des Okemos Highschool Orchestras im Goethe-Gymnasium

Emmendingen. Mozarts Dissonanzenquartett hat es schon in sich. Es verdankt seinen Spitznamen der langsamen Einleitung des ersten Satzes, in dem die vier Instrumente sich in waghalsigen Intervallen durch die musikalische Welt bewegen. Vier junge Leute setzten sich am Mittwoch in der Aula des Goethe-Gymnasiums, in der durchaus Trubel herrschte, hin und spielten, ehe das Konzert des Okemos High School Orchestras begann, genau diese Musik. Was zunächst aussah wie ein „Sich-warmlaufen“, Musizieren, während die – sehr zahlreichen, zumeist edelst gewandeten – Musikerkollegen schwatzend durch die Halle schwirrten, war eine Probe: Die vier wiederholten den Mozart dann im Konzert. Mitten in einem Programm vom Orchesterspiel auf Quartett umzuschalten, plötzlich exponiert und allein sich in einer akustisch gewiss nicht unproblematischen Umgebung freizuspielen, dazu gehört etwas – Respekt vor dieser Leistung.

Das riesige Streichorchester aus dem amerikanischen Bundesstaat Michigan würde es ohne die resolute Marilyn Kesler vermutlich nicht geben. Seit 41 Jahren unterrichtet sich in den Okemos-Schulen und dirigiert gleich mehrere Klangkörper. Ihre Musikerinnen und Musiker folgen jeder Geste, umsichtig, präzise und genau hat sie ihren Klangkörper im Griff – und die Leistungen der Schüler können sich durchaus hören lassen. Wie eine Karriere, die in diesem Orchester beginnt, enden kann, demonstrierte Cheryl House: Die Cellistin spielte von 1969-76 unter Kesler in diesem Orchester, ist inzwischen vielfach ausgezeichnet und hat bei so bekannten Größen wie William Pleeth und Jacquelin Dupre studiert. In Emmendingen kehrte die Musikerin, die heute im Orchestre de la Suisse Romande zuhause ist, an ihre Wurzeln zurück. Sie spielte das C-Dur-Konzert von Joseph Haydn – mit Temperament und Zugriff in den Ecksätzen; wunderbar, fast himmlisch singend und gestaltend im Mittelsatz. Zweifellos ein Höhepunkt.

Man kann freilich in Schulorchester nicht mit den selben Maßstäben wie einen professionellen Klangkörper beurteilen. Kein Profiorchester würde mit derart groß besetzten Registern auftreten – eine Zuhörerin zählte allein 26 Celli. Auch bei der Klangqualität der Instrumente muss man Abstriche machen, teilweise auch bei der Stimmung. Die Maßstäbe bei einem Schulorchester sind andere: Können die jungen Musikerinnen und Musiker ein gutes Programm auf die Beine stellen? Die Antwort ist ja: Dohnanyi, Dvorak, Bach, Leroy Anderson. Johann Sebastian Bach verdient eine weitere Erwähnung: Die Amerikaner musizierten, verstärkt durch einige Emmendinger Schülerinnen und Schüler, die Orgel-Toccata in d-moll. Es war sehr neuartig, wie die vertrauten Töne mit Streichern klangen – mit interessanten, dynamischen Effekten, exakt in den rhytmisch durchaus schwierigen Passagen.

Wie die jungen Musikerinnen und Musiker, die noch bis Freitag in Deutschland unterwegs sind und neben Emmendingen Speyer, Bruchsal, Ludwigshafen und Waiblingen auf dem Tourneeplan stehen haben, dem Stress einer solchen Reise insgesamt gewachsen sind, ist vermutlich die eigentliche Herausforderung für sie.

Schade, wenn nicht gar ärgerlich für die Veranstalter, war allerdings, dass es nur ein sehr kleines Publikum gab. Eigentlich kann man ja auch hierzulande von der „international language of music“, die in manchem netten Grußwort des Abends völlig zurecht beschworen wurde, nur profitieren. Vielleicht gibt es eine zweite Chance, wenn die Amerikaner wiederkommen?

Frank Berno Timm (2007)

Aus meinen Archiven (1)

Nicht nur ein Dokument: Wiederkehrende Glücksmomente

Konstantin Wecker 60 Jahre alt – zum Medienecho des Frühsommers gibt es jetzt ein Nachspiel: eine Doppel-DVD vom Jubiläumkonzert zum Geburtstag im Münchner Circus Krone-Bau am 1. Juni 2007. Die ist weit mehr als nur ein Zeitdokument: Wecker schafft es, hundertmal gehörte Lieder neu zu erfinden. Das als wiederkehrenden Glücksmoment seiner Konzerte zu bezeichnen, ist nicht übertrieben. Er umgibt sich an diesem Abend nicht nur mit einer langen Liste von Berühmtheiten (Wolfgang Dauner, Charlie Mariano, Hannes Wader, Arlo Guthrie), er spielt mit Musikern in seiner Stammtruppe, die von exzellenter Qualität sind (etwa der gerade 24-jährige Schlagzeuger Andi Haberl). Tief unter die Haut gehen die Lieder mit Pippo Pollina – der Italiener wirkt im Vergleich zu Wecker fast schmächtig und hat eine Stimme, die von Gänsehaut erzeugender Kraft und Energie ist. Dass Wecker mit afghanischen und türkischen Musikern auftritt, ist für ihn selbstverständlich, dass er den bayerischen Bluesbarden Willy Michl auf die Bühne holt auch; und es ist nicht ohne Reiz, dass Willy Astor seine Parodie des Liedes, das als sein berühmtestes gelten dürfte („Willy“) in diesem Konzert singen darf.

Die Doppel-DVD ist also mehr als ein bloßes Zeitdokument – sie hält ein großartiges Konzert fest, bei dem man dabei gewesen sein möchte. Schade nur, dass man es damals nötig fand, Wecker Moderator Christoph Süß an die Seite zu geben: Die Gespräche mit ihm wirken im Vergleich zum Konzert zu aufgesetzt, zu unspontan – kurz: weitgehend verzichtbar. Dennoch: eine empfehlenswerte Scheibe, nicht nur für Fans.

Konstantin Wecker & Freunde

Alles das und mehr

Das Jubiläumskonzert zum 60. Geburtstag

Doppel-DVD, 16:9-Format, Sony BMG

(2007)