Sehr lebendig: Hamburgs Barlach-Haus wird 50 Jahre alt


rathaus
Auch hier in der Nähe steht ein Werk von ihm.
Drei große Ausstellungen zum Geburtstag – der „Hauskünstler“ soll nicht „überwölbt“ werden

In Hamburg sind die Wege schon mal länger. Der malerische Ortsteil Klein-Flottbek findet sich westwärts, unweit des noblen Blankenese. Sehenswert nicht nur wegen des Botanischen Gartens und edler Villengrundstücke, die sich mit Ländlichem zu mischen beginnen, sondern vor allem eine Reise wegen des Barlach-Hauses im Jehnisch-Park wert. Das feiert in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag. Schon „ganz ohne“ Kunst ist das privat geführte Museum ein Hingucker: Seine zurückhaltende Schlichtheit und Eleganz, die sich aus sehr geraden Formen, klug ausgewählten Materialien und sparsamer Einrichtung speist, weiß zu überzeugen. Hausherr Karsten Müller skizziert nicht nur das Geburtstagsprogramm, sondern macht klar, wie sehr ihm daran liegt, den „Hauskünstler“ Ernst Barlach von Überwölbungen zu befreien. Keinesfalls werde man dem Bildhauer gerecht, wenn er nur auf evangelische Gemeindebriefe gedruckt werde, sagt der Museumsleiter. In der Zusammenschau mit anderen Künstlern – Müller erinnert an die vergangene Meidner-Ausstellung – werde zum Beispiel deutlich, wie sehr Barlach ein Künstler seiner Zeit gewesen sei, dessen Arbeiten genauso Apokalyptisches gehabt hätten.
Nun also das Festprogramm zum 50. Geburtstag. Bis 28. Mai läuft die Ausstellung „Emil Nolde – Puppen, Masken und Idole“. Barlach und Nolde seien „wahrlich nicht befreundet“ gewesen, weiß Müller; dennoch sei eine Schau, die den Weg von Objekten aus Noldes eigener Sammlung zu Gemälden des Künstlers nachzeichnet, in diesem Haus „wahrlich gut aufgehoben“. Im Juni folgt Tony Cragg – dieser zeitgenössische Künstler sei in Hamburg noch nie umfassend gezeigt worden; er habe bereits signalisiert, dass er sich mit dem Barlach-Haus intensiv auseinandersetzen wolle (bis September). Emil Schumacher ist das dritte Ausstellungsthema, das in besonderer Weise auch an die Anfänge des Barlach-Hauses erinnern soll: Bilder aus den fünfziger und sechziger Jahren, der „stärksten Einstiegsphase“ Schumachers, werden zu sehen sein.
Zum Geburtstag gibt es auch Geschenke, und das vermutlich wichtigste ist jetzt zu sehen: Die Stifterfamilie hat „eine der wenigen Holzskulpturen“ Barlachs, die „Verhüllte Bettlerin“ (1919), für die wachsende Sammlung in Hamburg angekauft. Zunächst hatte sie einem Berliner Sammler, dann der Dresdner Familie Arnhold gehört, die nach Amerika emigrierte.
Die aktuelle Schau macht den Weg von den gesammelten Objekten Emil Noldes (1867 – 1956) hin zu seinen Figurenstillleben, von denen rund ein Drittel gezeigt werden, deutlich. Dem Betrachter öffnet sich eine eigene, durchaus farbige Welt, die von Figuren, Tieren und Blumen bevölkert wird. Hier und dort wird Nolde direkt mit Barlach kontrastiert, ein Teil der Räumlichkeiten bleibt dem Güstrower auch vorbehalten. Es sind sehenswerte, interessante Gegensätze: die Zurückgezogenheit Barlachs, sein andeutendes Gestalten, das mit wenigsten Strichen auskommt, hier, die Üppigkeit Noldes dort. Die 33 Nolde-Zeichnungen (1910-12) nach Objekten des Berliner Völkerkundemuseums sind eine interessante Ergänzung.
In das Haus am Eingang des Jehnisch-Parks kommen rund 30.000 Besucher im Jahr – nicht nur das „lokale“ Publikum, berichtet Müller, sondern viele Besucher von außerhalb, zunehmend Schweizer. Den weitesten Weg haben Gäste, die aus Südostasien kommen, dort habe Barlach eine „große Fangemeinde“. Wer durch diese Räume streift, kann das verstehen, wer aus Mecklenburg hierher kommt, weiß es sowieso – lange Hamburg-Wege hin oder her.

(2012)

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