Hamburg aktuell: Wie kriminell sind wir eigentlich?


Nachtbild

Es hat sich etwas in unserer Gesellschaft verändert. An die Stelle normaler Kommunikation sind Formbriefe, gern auch mit Strafandrohungen, getreten. Ist das gut? Bild: Timm

Kennen Sie die Künstlersozialkasse? Nein? Sie hat nicht an der Elbe ihren Sitz, vielmehr im fernen Wilhelmshaven. Menschen wie ich, die freiberuflich als Journalisten, Schriftsteller, Schauspieler, Musiker arbeiten, können sich dort versichern. Mit den (bezahlbaren) Sätzen für Pflege-, Kranken- und Rentenversicherung wird uns möglich gemacht, unseren Beruf überhaupt auszuüben. Dieses Jahr hat die KSK mich für eine Stichprobe ausgewählt: Ich muss die Einkommen der letzten vier Jahre offenlegen. In der Abschlusshektik des laufenden Jahres eine nette Überraschung: alte Steuerbescheide heraussuchen, sie kopieren und einen Fragebogen ausfüllen, den ich noch nie zuvor gesehen habe. Falsches Ausfüllen, teilt man mir an dessem Ende mit, sei mit 5.000 € Strafe bewehrt.

Dass viele ihren Lebensunterhalt nur mit staatlicher Hilfe bestreiten können, ist kein Geheimnis. Mal ist es das jobcenter, dann wieder die Kommune, die für die Auszahlung der Hilfe zum Lebensunterhalt zuständig sind. Keine Frage: Die schlimmsten Sorgen lassen sich so abmildern. Aber ist es wirklich notwendig, Einladungen zu Terminen gleich mit dem Hinweis zu versehen, wenn man diese nicht wahrnehme, würden die Zuwendungen gekürzt?

Die dritte Szene führt mich an den Rand von Hamburg. Ich beobachte, dass erst zwei, schließlich drei Streifenwagenbesatzungen sich mit einer Gruppe junger Migranten auseinander setzen. Der Ton ist sehr rüde – offensichtlich wird die Identität der Jungs – dem äußeren Anschein nach allenfalls Marke Halbstarke von um die Ecke – festgestellt. Ich habe einen anderen Termin und deswegen keine Ambitionen, mich einzumischen.

Aber eins frage ich mich doch: Sind wir ein Volk von Kriminellen? Ist es wirklich notwendig, ganze Gruppen pauschal unter Generalverdacht zu stellen? Was macht eiene solche Klimaveränderung auf Dauer mit einer Gesellschaft? Nein, sagt mir eine KSK-Mitarbeiterin am Telefon, sie könne leider nichts zum Brief an mich hinzufügen, es handele sich um maschinell erstellte Formschreiben. Wundert es einen da noch, wenn Menschen wie mir ständig das Messer ‚Ich lege Widerspruch ein!‘ locker im Hosenbund sitzt?

„Neben der hohen Blüte von Philosophie und Literatur fehlt es an schlichter Menschlichkeit.“ Christa Wolf schreibt das in einem ihrer letzten Bücher (Der Worte Adernetz, edition suhrkamp). Der Satz fiel mir einmal mehr ein – und es betrifft bei weitem nicht nur das kulturelle und gesellschaftliche, sondern leider auch das ganz alltägliche Leben.

 

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