Aus meinen Archiven: Sie können es einfach


An diese Rezension wurde ich erinnert, als ich vorhin das erwähnte Gershwin-Lied von jemand anderem hörte.

Rust. Sie können es einfach. Auf diesen kurzen Satz ließe sich das Konzert des Mädchenchors aus dem Gymnasium der Künste im weißrussischen Minsk auch bringen. Etwas ausführlicher klingt das so: Klangkraft, sehr edler Ton, nahezu perfekte Intonationssicherheit, ein genaues Wissen davon, was Steigerungen, Spannungsbögen in der Musik bedeuten, engster Kontakt zur Dirigentin Maria Bulat; nicht zuletzt eine ziemlich weite Spanne im Repertoire von Frühbarock über (weiß-)russische Volksmusik bis hin zum 20. Jahrhundert – das sind die wichtigsten Kennzeichen dieser rund 40 jungen Musikerinnen, die das überaus zahlreiche Publikum in der Ruster Kirche am Sonntagabend in Erstaunen versetzten. Da machte es nichts, dass es ein wenig kühl in der Kirche war, selbst dass der nahe Europapark mit einem unüberhörbaren Feuerwerk ins Konzert platzte, ließ sich einigermaßen verschmerzen. Auch die Tatsache, dass ein gedrucktes Programm leider fehlte, machten zwei der Choristinnen selbst mit Moderationen (auf Deutsch!) wett.

Dass sich der Chor auf hohem Niveau bewegt, zeigte schon das eingangs gesungene Halleluja – „Velikaja beloruskoje“ (Großes Weißrußland). Der Chor maß gleichsam, unisono und aufmerksam seiner Dirigentin folgend, die Akustik des Kirchenraums aus. Henry Purcell ging dann Trojanowsky voraus: einem Te Deum moderneren Klangs, während dem die (leider nur mit einem schnöden E-Piano bediente) Pianistin Olga Maslowa an ein Klangholz wechselte. Das ebenfalls moderne „Ave Maria“ musste sich des erwähnten Feuerwerks erwehren – die Musikerinnen reagierten professionell und sangen weiter, Organisatorin Claudia Scherer von der Frauengemeinschaft Rust musste das Programm nicht unterbrechen. Immer wieder traten einzelne Mädchen für Solis aus dem Chor – mit teils ausgezeichneten Stimmen. Nicht überhörbar, verständlich und einleuchtend ist die Liebe zur (weiß-)russischen Musik. Um so überraschender war dann Gershwin: Sein „Embrace me“ kam mit allen nur denkbaren Rubati, auf der Schwelle zum Jazz und zwei Solistinnen daher – Dirigentin Maria Bulat lieferte eine hochintelligente Interpretation ab. Einfach wunderbar.

Aus dem fehlenden Programm hätte das Publikum erfahren können, dass es im Programm des Chors eine Pause gab – nach der die Mädchen singend wieder in den Altarraum einzogen. Im zweiten Teil standen einmal mehr – zum Teil äußerst diffizile – Volksliedsätze auf dem Programm; sogar eine weißrussische Polka erklang. Im Lied „Ein Zweiglein“ hörte man die Vöglein so richtig zwitschern. Sehr viel Beifall zum Schluss. Als Dank legten die Mädchen ihre Noten beiseite (die Dirigentin bestritt das Konzert komplett auswendig) und legten eine ziemlich kesse Sohle aufs Parkett. Ein tolles Konzert.

(2008)

 

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