Noch ein Brief


durcheinanderAls ich ein kleiner Junge war, faszinierten mich die Straßenbahnen. Die quietschend und klingelnd, so dass es alle weithin hörten, durch die Stadt schaukelten. Sechsmal am Tag der gleiche Platz, das Loch hinter der Haltestelle, die überflüssige Ampel. Und immer fährt sie im Kreis.
Mich schweigen meine Wände an. Die Sprach-Kontrolllampe am Router blinkt. Aber es ruft sowieso niemand an. Es sind keine Nachrichten auf dem Anrufbeantworter. Ich durchblättere den Nummernspeicher, fange an zu überlegen. Manchmal kommt es vor, dass ich es klingeln lasse und wieder auflege. Ich meide Anrufbeantworter. Im Mailfach nur Dienstliches, Werbung, Unsinn, wenn ich den Rechner morgens hochfahre. Ich verstumme, friere ein, ich fliehe in den Schlaf mitten am Tag, ich fühle mich nicht zuhause in meinem Leben. Im Rückzug kann es keine Enttäuschung mehr geben, denke ich.
Ich muss darüber reden, ich muss es aufschreiben. Auch, wenn das hier der falsche Ort ist. Auch, wenn sich dadurch nichts ändert. Was mich bewegt, in zutreffende Worte bringen, wollte ich das nicht? Aber keins will passen, weil es immer noch heftiger kommt und so unsäglich hartnäckig ist.
Ich schaue auf die Uhr, ob schon Mittag ist. Der Briefträger kommt. Die tägliche Sperrzeit meiner Monatskarte abgelaufen ist, dass ich wieder losgehen kann. Dass der Tag einfach vorbei ist, endlich vorbei.  Wegrennen, weglaufen. Auch, wenn ich weiß, dass es nichts bringt: ein Glas Rotwein, dann zwei. Nein, es tröstet nicht – die Zunge löst sich ein wenig, vielleicht. Aber was bringt das, wenn ich nur mit mir selbst rede.

Kannst Du Dir das vorstellen? Wenn Du auf die Frage, wie es Dir geht, fast immer nur ein Wort sagen kannst, das alle schon kennen. Es gibt wenig Variationen. Wochenlang verzischen alle guten Erfahrungen wie auf einem heißen Stein. Dann wird es beständiger – bis das alte Elend zurückkommt. Es fehlt der grundsätzliche Trost, das Gefühl, angesehen, in den Arm genommen, wirklich gebraucht zu sein – unter allen Umständen, wenn es geht. Natürlich kann ich mir sagen, dass das ganze Universum manchmal in dem einen Moment steckt – aber davon wird der Moment nicht wirklich länger. Sicher weiß ich, dass neue Wege Geduld brauchen, aber die stellt sich eben nicht von allein ein.

Alle sollen stark, zuversichtlich und neuerdings „happy“ sein und alles „supergeil“ finden. Ich sehe fast nie wirklich glückliche Gesichter unterwegs. Ich beobachte Paare, die sich über Nichtigkeiten streiten. Menschen, die sich in der Art, wie sie sich kleiden, so offensichtlich am Nachbarn orientieren, anstatt sich selbst zu öffnen. Ich fürchte, dass es überall rabenschwarze Einsamkeit und kochende Verzweiflung gibt, und beides nimmt zu.

zweiIch hätte soviel zu erzählen. Von der Musik, die ich höre, Lesen, Schreiben, Fotografieren. Ich esse immer allein. Die Vorteile, die damit verbunden sein mögen, langweilen mich eher, als dass sie mich wirklich reizen würden. Manche Leute in meinem Leben sind mir wirklich wichtig, aber allzu oft ist, was man irgendwie als Gemeinsamkeit bezeichnen könnte, verzögert, verblasst, im Sande verlaufen – bestenfalls; oft genug war es schlimmer. Es ist nicht alles schlecht, gewiss nicht, aber das Wenigste fühlt sich gut an; und dass ich daran nicht wirklich was ändern kann – das ist das Problem.

 

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Ein Gedanke zu “Noch ein Brief

  1. …auch wenn es nicht hilft: Willkommen in meiner Welt.
    Durchschaubar, all‘ die Menschen, denen man begegnet, die entweder komplett in sich gekehrt sind, oder, falls in Gruppen unterwegs, die ich stets zu meiden pflege, in Gruppen überdreht hysterisch gut gelaunt.

    Mit offenen Augen durch die Welt zu spazieren ist ein grauenhaft, das, was man zu sehen bekommt, ist deprimierend und ernüchternd.

    Ich habe es für mich gelernt, die kleinen Dinge, ein gutes Essen, ein Glas Wein, feine Musik und die Fotografie, zu schätzen und mich daran zu erfreuen.
    Das hilft. Mir.

    Und es ändern wollen, was da so passiert, ist nicht meine Aufgabe, und wenn doch, dann nur im Eins zu Eins Gespräch, mit jemandem, der zuhören möchte. Da fruchtet es auch.

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