Was ist ein Sommerloch?


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„Nein“, sagt der Kollege Redakteur, „sowas gibt es doch nicht mehr.“ Ich überlege: Hat er recht? Tatsächlich? „Zwischen Weihnachten und Neujahr – da ist tote Hose!“ Hm, vielleicht: Die Verbrückentagisierung des Jahres greift um sich, Feiern auch ohne Anlass. Dabei wär‘ es doch schön gewesen, zu fragen: Wie ist es im Sommerloch? Vielleicht gemütlich? Gar kuschelig? Oder stürmt und hagelt es da? Was machen die Lochkanten?
Trotzdem: Alltagssprache bringt wirklich seltsame Stilblüten hervor – halt: eigentlich sind es welke Blätter, öde Knospen, degenerierte Flora rhetorischen Lebens. Oder sowas.
„Das Kabinett hat als Soforthilfe eine Million Euro bereitgestellt“, vermelden die Nachrichten. Bitte, wo ist die Million? In einer ungenützten Teeküche von Angelas Kanzleramt? Streng bewacht? Kann ich was abhaben? Kein leichter Job, bei dem Sommerwetter, eine Million – manchmal ist es ja sogar mehr – in das Geheimzimmerchen zu tragen, sorgfältig aufzustapeln, zu zählen, und vielleicht noch zu bügeln, damit es schick aussieht. Überhaupt: Wieso steht Geld? Liegt es nicht eher? Oder steckt? (In meiner Geldbörse, zum Beispiel). Alles sehr rätselhaft.
Fürwahr, das sind bewegende, komplizierte Fragen. Inständig irritierend muss ich auch die wiederkehrende Nachricht finden, das Programm XY werde alsbald umgesetzt. Eigentlich kenne ich sowas nur aus Schulzeiten oder Kinderchorproben, wenn die gestrenge Zuchtmeisterin fortwährend brabbelnde Lausebengel auf einen anderen Platz expediert, auf dass Konzentration wiederkehrt. Wo saß XY also vorher? Und was hat er angestellt, dass die Bundesregierer ihn umsetzen? Wird des Umsetzens halber ein besseres Programm aus ihm?
Sowas kommt, wenn Menschen um die Ecke reden wollen und es nicht beherrschen. Dann stelzt und knöchert Sprache, dass es nur so rieselt, die Leerformeritis bricht sich schonungslos Bahn. Früher wurden Ideen nicht umgesetzt, sondern verwirklicht. Und normale Menschen lassen Geld nicht irgendwo herumstehen, sondern führen es eiligst dem anstehenden Zweck zu.
Ach ja: Manche Dinge erledigen sich ja von selber. Vor Jahren hätte ich an dieser Stelle über die Frage dahingewitzelt, ob es tatsächlich möglich ist, den Schluß des Sommers zu verkaufen. Angesichts grimmiger Winter müsse die Verkäuflichkeit der Kurzhosenzeit ja bezweifelt werden, hätte ich geschrieben. Offensichtlich ist der Sommerschluß aus – keiner redet mehr davon, ihn zu verticken.

 

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