Auf meinem Balkon (Notizen vom Sonnabend)


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Es sind so viele Menschen, an diesem Nachmittag. Der Weg am Bahnhof vorbei ist gesperrt, da liegt eine Frau, sie scheint zu schlafen – krank, bewußtlos, Alkohol. Nicht nur ich gehe auf einen Mann von der DB-Sicherheit zu: Das habe keinen Zweck, sie liege immer da, wegen ihr werde der RTW nicht kommen. Sein Kollege stupst sie schon an, macht sie wach, sie erhebt sich, ihr fertiges Gesicht wird sichtbar, die dreckigen Klamotten: „Lass mich doch in Ruhe!“ brüllt sie ihn an und ist verschwunden.
Ja, es sind viele Menschen. Ich gehe weiter, drängle mich durch die Zuschauer am „Christopher street day“ – die Parade, scheint mir, ist viel mehr Party als Demo, viel mehr Kommerz als – zweifellos berechtigtes – Anliegen: Weil die Schwulen und Lesben immer noch gedemütigt, übervorteilt, ignoriert werden, entwerfen sie ihre eigene Welt, zwangsläufig. Und verknüpfen die eigene sexuelle Orientierung mit Dingen, die gar nichts damit zu tun haben – heraus kommt ein schwuler Männerchor. Das ist nicht meine Welt, denke ich, und sowieso stört mich das Gewühl und der Ohren betäubende, ja zerstörerische Krach: Ich schlendere weiter hafenwärts, abseits reparieren sie eine Kehrmaschine, später reinigen sie in Reih und Glied mit ein paar Maschinen, was von der Parade übrig geblieben ist. Überall Polizei.
Aus dem übervollen Bus muss ich fliehn. Aus der überheißen U-Bahn auch. Mit ein paar Schlenkern kehre ich zurück in Richtung auf mein Quartier. Dann steigt ein Mann ein. Er nickt, dann einmal, noch einmal, hebt beide Hände, schlägt sich rhythmisch damit auf die Wangen, erhebt sich. Ich mache die Augen zu – was soll ich tun? Ihn beruhigen, ignorieren? Das Schauspiel wiederholt sich, niemand tut etwas, sie schauen in ihre Smartphones, reden weiter, als wäre nichts, der Mann steigt aus: Bleibt stehn, nickt wieder nach allen Seiten, breitet die Arme aus, führt sie zum Gesicht, der Zug fährt an. Was ist das für ein Leben?
Noch einmal Umsteigen, umständlich fädelt sich der Verkehr an einer Baustelle vorbei. Ein Farbiger mit Dackel steigt ein, sucht sich seinen Platz, sein Handy klingelt: „Was kann ich dafür, Digga, wenn Du das vergessen hast? Bin ich doof oder was? Dafür kann ich doch nichts!“ – Pause. Dann noch einmal derselbe Satz, und noch einmal. „Will ich das wissen?“ – „Nö. . . . „, sagt die Frau und grinst wissend zurück, wir steigen aus.
ich geh dann allein nach hause. Fahre mit dem Aufzug hoch, trinke einen Schluck, schau die Bilder an. Unten kläffen die Hunde: Sie tollen über die Wiese, apportieren Bälle, fallen übereinander her. Und morgen, was ist morgen?

 

EDIT: Inzwischen hat es auf der Strecke, die momentan nur mit einem kafkaesk dahinrasenden Pendelzug bedient wird, offensichtlich einen Unfall gegeben. Es scheint glimpflich abgegangen zu sein.

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