Was für eine unglaubliche Veranstaltung


3Sie kommen mit Raketen unter dem Arm. Ja, in die Kirche. Als alle Plätze besetzt sind, nehmen sie sich Stühle und lassen sich auch mal im Fluchtweg nieder. Ich bin, während ich diese Zeilen schreibe, empört: Ist das notwendig, so? Nein, wir sind hier nicht im Fußballstadion, das ist ein sakraler Raum, etwas besonderes. Hier sammeln sich Sonntag für Sonntag Menschen – singen und beten, hören zu, kommen miteinander ins Gespräch – und jetzt stürmen die Massen das Haus. Einfach so. Wissen sich in der Kirche schlicht nicht zu verhalten. Ich komme jedenfalls an Silvester nicht wieder.

Natürlich, Mozart geht immer. Die Kirchensonate C-Dur KV 329 sorgt für Ruhe in dem wüsten Haufen. Die Krönungsmesse passt, weil die einzelnen Stücke gut hörbar und kurz sind – im Südschiff wirkt der Chor merkwürdig gedämpft, einzelne Sänger des Solisten-Quartetts (Katherina Müller, Britta Glaser, Rainer Thomsen, Felix Schwandtke) teilweise überanstrengt, die begleitenden Musiker selten unkonzentriert, die einzelnen Register des Orchesters klar. Traumhaft schön das Adagio und Allegro f-Moll für ein Orgelwerk in einer Uhr (KV 594) – Andreas Fischer war zuvor vom Dirigentenpult an den Spieltisch geeilt. Ulrike Murmann predigt, fasst das gewesene Jahr zusammen, das alte Salomo-Wort „Alles hat seine Zeit . . .“ dient als Grundlage. Bei Gott sei nichts vergebens, sagt sie. In die Stille am Ende tönt die Knallerei. „Großer Gott wir loben dich“ brandet auf – viele eilen schon zum Ausgang, noch ehe es wirklich zu Ende ist.

Als ich zur U-Bahn zurückgehe, liegt an einem ungewöhnlichen Platz noch immer ein Obdachloser in seinem Schlafsack. Es ist nicht zu sehen, ob er schläft, gestorben ist, krank, verletzt. Die Geräuschkulisse in der Stadt müsste eigentlich seit Stunden Schlaf unmöglich machen. Was tun? Auf dem Heimweg gehe ich in der Sicherheitswache am Hauptbahnhof vorbei, der Beamte telefoniert, kopiert meinen Ausweis. Eine Rettungswagenbesatzung wird nachsehen, hoffentlich bringen sie den Mann ins Warme.

 

4 Gedanken zu “Was für eine unglaubliche Veranstaltung

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