Nachtkritik: Gänsehautmomente und verpasste Chancen


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Vor dem Konzert: Warten auf die gemeinsame Serenade des Bachchors, der Kinder- und Jugendkantorei mit dem Petri-Collegium-Musicum.

Die geschätzten Leser dieses Blogs wissen es längst: Die Hamburger Kinder- und Jugendkantorei, zuhause an den beiden Hauptkirchen St. Petri und St. Katharinen, ist ein außergewöhnliches Ensemble. Die rund 160 Mädchen und Jungs werden von Sabine Paap früh ans Singen herangeführt, gründlich ausgebildet, sie bestreiten Auftritte und Konzerte in hoher Qualität und oftmals auch in kurzen Abständen. Am 30. Mai 2015 musizierten die Älteren mit dem Hamburger Bachchor (St. Petri) und dem dortigen Collegium musicum in der Hauptkirche St. Petri. Es war ein Konzert, das zugleich Gänsehautmomente und verpasste Chancen anzubieten hatte.

Keine Frage, das muss erläutert werden. Fangen wir mit einer Äußerlichkeit an: Wenn im Programm vermerkt ist, der Bachchor trete bewußt in Chorgewändern auf, wenn der Kinderchor samt Leiterin diese ebenfalls trägt, wenn die Orchestermitglieder und Organistin Ji-Hyun Park in Schwarz auftreten und nur KMD Thomas Dahl im Blauhemd und Sommeranzug vor das Publikum tritt, nimmt jener seine Vorbildwirkung nicht wahr. Denkbar wäre auch gewesen, dass alle Choristen in Zivil musizierten, schließlich sangen sie fast überwiegend weltliche Musik.

Mozarts Te Deum (KV 141) war (von Erwachsenen!) zu unkonzentriert musiziert, Gastoldis „An hellen Tagen“ hätte man sich viel leichtfüßiger und nicht so abgesungen gewünscht. Bachs III. Brandenburgisches Konzert überraschte durch die (selten an dieser Stelle gehörte) Orgel im II. Satz (Thomas Dahl), hatte darüber hinaus aber keine Ungewöhnlichkeiten zu bieten. Konzertmeister Stefan Schmidt ließ seine Musiker während des Konzerts kein einziges Mal nachstimmen, nötig wäre es gewesen.

Erste Höhepunkte waren Jon Rutters „I believe in springtime“ und die beiden Lieder aus dem großartigen Film „Wie im Himmel“: Gabriellas Lied auf Schwedisch und Lenas Lied auf Englisch  – letzteres bleibt im Ohr. Immer wieder bewundernswert ist die Klangreinheit des Kinderchors. Völlig mühelos erreichen die Kinder höchste Höhen, kein einziger falscher Ton erklingt und fast scheint es, als kämen sie am besten mit der leicht halligen Akustik der Kirche zurecht.

Paul Hindemiths „Trauermusik“ mit Solocello aufzuführen, ist möglich, die herbe Viola hat aber gerade hier ihre besonderen Reize. Leider brachte Solist Konstantin Prinz die bewegenden Rezitative im Schlußsatz über Bachs letztes Werk, den Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“, viel zu eilig zu Gehör, hier wäre mehr Zeit und Ruhe sehr wünschenswert gewesen. Karl Jenkins „Palladio“ hätte – mit allem Respekt – auch entfallen können. Schon wäre mehr Zeit gewesen, angemessener umzubauen bzw. zu -gruppieren. So schön es ist, den Kinderchor einmal mit Orchester – mit Liedern aus „Die Kinder des Monsieur Mathieu“ – zu hören, kam er doch auf hinteren Plätzen stellenweise zu leise an, weil die teilweise deutlich kleineren, jüngeren Musiker hinter dem Orchester gleichsam verschwunden waren. Die „Elegie“ aus Tschaikowskys Streicherserenade wäre indes weiter vorn im Programm besser aufgehoben gewesen.

ältere künstler

Nach dem Konzert: Das Programm in der gut besetzten, aber nicht ausverkauften Hauptkirche St. Petri dauerte knapp zwei Stunden.

Zum Schluß Mendelssohns „O Täler weit, o Höhen“ und, nochmals mit beiden Chören, „Verleih uns Frieden gnädiglich“ (die ersten Takte „rumpelten“ ganz schön). Langer Beifall, immer wieder auch zwischen den einzelnen Programmpunkten.

junge künstler

Die Hamburger Kinder- und Jugendkantorei hat einmal mehr ihre außergewöhnliche Qualität unter Beweis gestellt.

Es ist immer wieder beeindruckend, wie sich Sabine Paaps „Kinder“ auf neue Situationen, Ensembles und Dirigenten einstellen. Darin sind sie hochprofessionell. Man wünschte sich, dass die erwachsenen Musikerinnen und Musiker, die mit diesem Ensemble Musik machen, sich mehr anstecken lassen, Musik so zu Gehör bringen, als bestritten sie eine Uraufführung. Davon waren Bachchor und Collegium musicum ein gutes Stück entfernt. Erfreulich war der Besuch: Trotz Elbjazz und Fußball im Fernsehen waren viele Zuhörer (übrigens auch Kinder!) gekommen.

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