Erste Auftragskomposition uraufgeführt: Großer Beifall (mit update)



In Hamburgs Innenstadt ist heute dieselbe Einkaufshatz wie immer, als ich aus der U-Bahn komme. Die Bürgersteige sind noch voller als sonst, die Leute rennen den letzten Schnäppchen hinterher und man hat das Gefühl, dass sich das Karussell immer schneller und schneller drehen will.
In Hamburgs Hauptkirche St. Petri ist zwar auch ein großer Verkaufstisch aufgebaut, aber er ist nicht der Mittelpunkt des Geschehens. Vorn im Altarraum laufen die allerletzten Proben: Daniel Stickans „Wassermusik“ wird heute aufgeführt, es ist die erste Komposition, die die Hamburger Kinder- und Jugendkantorei selbst in Auftrag gegeben hat. „Eine Kantate über die Schöpfung, Aggregatzustände und das Mysterium der Trinität“ heißt sie. Und dieser Nachmittag wird (nicht nur für mich) zu einem Ereignis, das nicht wenige der über 300 Zuhörer, darunter viele Kinder, durchaus gerührt und hörbar begeistert zurück lässt.
Und das hat mehrere Gründe. Daniel Stickans Musik ist authentisch, modern und gut hörbar. Man spürt, dass hier ein Musiker am Werke ist, der komplett frei von Allüren einer- und mit größtem Können andererseits eine Musik schreibt und aufführt, die im besten Sinn seine ist. Stickan greift weit zurück (Pentatonik?), er liebt Klänge, lang ausgehaltene Töne, er „bildet“ Wasser gleichsam überfließend, fast „platzend“ ab und alles, was er schreibt, wirkt gründlichst reflektiert und komplett unbanal.
Die Idee, die drei Aggregatzustände des Wassers als Sinnbild für die christliche Vorstellung eines dreieinigen Gottes zu wählen, leuchtet ein.
Noch mehr: Der Wechsel von Gesang und Text (Katharinenpastor Frank Engelbrecht), komplettiert mit Aktion – Eiswürfel, Wasser, Wolken, Schnee und Wind wurden eingeführt – ließen fast sogar Theateratmosphäre aufkommen.
Sabine Paaps Kinderchor ist weiter für Höchstleistungen gut
. Diese Kinder, kaum eines dürfte älter als zwölf, viele jünger als zehn Jahre sein, singen Rilke, Claudius, Nietzsche auswendig. Sie pfeifen Vogelpfeifen, gluckern mit Wasser, betätigen Heulschleuche, als täten sie selten etwas anderes. Dabei erobern sie sich den ganzen Kirchenraum. Diese Kinderkantorei steckt voll mit Bühnenerfahrung und Konzentrationsfähigkeit – dass die Rezitationssolisten, die im mittleren Teil an der Reihe waren, sichtbar aufgeregt sind, macht sie noch sympathischer.
Das Publikum in St. Petri hört gebannt zu und reagiert mit begeistertem Beifall.
Es gibt Blumen und das Schlußstück „Was nah ist und was ferne“ ein zweites Mal.

Ein großartiger Erfolg. Am Sonntag ist die Kantate in der Katharinenkirche im Gottesdienst zu hören, kurz vor Weihnachten soll eine CD erscheinen, das Crowdfunding ist auf der Zielgeraden. Als ich die Kirche verlasse, tobt das Sonnabendgewühl noch. Melodien im Kopf zu haben, kann man nicht kaufen.

Update: Ebenso großer Beifall in Katharinen

Mir sind, auch Stunden nach dem Konzert im Gottesdienst, immer noch Melodien im Kopf. Daniel Stickans wunderbares Spiel auf dem Clavichord war so intim und privat – was man in diesem Zusammenhang nur als außergewöhnlich und positiv verstehen kann. Auch die – etwas größere – Katharinenkirche eroberten sich die Kinder auf eine sehr selbst bewusste und professionelle Weise. Ich freue mich auf die CD.

3 Gedanken zu “Erste Auftragskomposition uraufgeführt: Großer Beifall (mit update)

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