Was heißt „besinnlich“?


ein paar unfreundliche Marginalien zum aktuellen Datum

Ein „besinnliches“ Weihnachtsfest „im Kreise deiner Lieben“ – so ähnlich quillt es aus allen Spalten, Poren, Löchern, Absätzen – aus Mails, Whatsapp-Nachrichten, auf Facebook, Instagram, also schlicht überall: Es ist einfach zu viel.
Was, zum Geier, will das Wort „besinnlich“ bedeuten? Herr Duden spricht von „nachdenklich“, der Besinnung dienend. Der Besinnung worauf? Auf den Sinn meines Lebens? Auf die nächste Mahlzeit? Anne B., eine Französin, trank an einem 24. auf den Geburtstag von Jesus, wie recht sie hatte: Aber wer denkt daran? Dass dieses Flüchtlingskind, mutmaßlich unehelich, in einer dreckigen Futterkrippe seinen Erholungsschlaf nach der Geburt hinter sich gebracht haben soll? Nix holder Knabe, sondern ein Revolutionär, der die Pfaffen beim Wort nahm?! Für N. ist es das Fest der Heuchelei, und auch da ist was dran: Wenn Weihnachtsgrüße von denen kommen, die das Tuch zerschnitten haben – wenn man beieinander sitzt, obwohl man sich nicht ausstehen kann, wenn es nur darum geht, sich den Bauch vollzuschlagen – wo leben wir eigentlich??
Dieses Weihnachten, Freunde, kann mir gestohlen bleiben: Die mir wichtigen Menschen reduzieren sich ohnehin auf ein Minimum und ich brauche dieses „Fest“ nicht, um mich ihrer zu vergewissern. Sie mögen Weihnachten ja nicht, sagte eine Frau vorhin in meiner Kirche – ja: Weil sich Enttäuschungen an diesem Tag immer wieder vervielfachen, weil sie reinhauen und zuschlagen: So ist es eben. Der Pennäler fbt dichtete:
Alle Jahre wieder
spül ich der Speisen Rest
geordnet, zart und bieder
ins Klo. Das war ein Fest

So ist es wohl. Ich bewunderte als Student Frau K., eine Molkerei-Kollegin, die jedem Kunden acht Stunden lang ein Frohes Weihnachtsfest wünschte. Bei ihr kam es von Herzen.
Heute denke ich, und jeden Tag mehr: Wenn wir es nicht schaffen, auch noch das letzte Lametta in den Papierkorb zu treten, wenn wir nicht durchdringen zum wirklichen Gehalt dessen, was zwischen uns ist, dann schaffen wir es nicht. Dann ist auch das Wort „besinnlich“ entbehrlich: weil es keinen Sinn mehr gibt.
(PS: Frau von B., ich gab das Liederheft in der Kirche zurück, weil ich den ganzen Kram nahezu auswendig kann, unfreiwillig. Ich wusste nicht, dass ich so leicht zu durchschauen bin.)

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