UNTERWEGS – Reisereportagen und Bilder


Der Hamburger Hafen in einer kleinen Bilderauswahl.


Frieden an der Wasserfront?

Zwei Jahrzehnte nach dem umstrittenen Bau des Main-Donau-Kanals scheinen sich die Wogen geglättet zu haben – lebhafter Fremdenverkehr

Erstaunlich ist es schon. Hier, das Örtchen heißt Ottmaring, überqueren wir das erste Mal be-wusst den Main-Donau-Kanal. Unauffällig, vielleicht etwas breit, zieht sich das Wasser durch die traumhaft schöne Landschaft an der Altmühl. Der Raps blüht, gerade eben sind wir an zwei weidenden Eseln vorbeigekommen, die wie alte Filmstars für die Kamera posieren. Es ist schön, auf dem Land zu sein, nach der Hatz über die Autobahn ändert sich unser inneres Tempo.
Das Altmühltal, durch das sich der Kanal zieht, ist ein Platz für großartige und scheinbar klei-ne Entdeckungen. Was hat sich verändert, seit der einstmals hoch umstrittene Kanal fertig ist? Haben sich die Wogen der Erregung aus der Bauzeit gelegt? Ist vielleicht am Ende doch noch alles gut geworden? Unsere kleine Rundreise durch das östliche Tal berührt die großen und kleinen Sehenswürdigkeiten – welche am Ende schöner sind, bleibt offen. Walburga in Beilngries ist so ein Beispiel: Ihre zwei Kirchtürme passen nicht in das Klischee bayerischer Barockherrlichkeit. Die Pfarrkirche vom Anfang des 20. Jahrhunderts, irgendwo zwischen Jugendstil und Neoklassizismus angesiedelt, ist ausgesprochen sehenswert. Das Innere ist kühl, wirkt ausgesprochen ungewöhnlich und ist verlassen an diesem Vormittag.
Das wird auch am phantastischen Wetter liegen. Viele Motorradfahrer sind unterwegs; Ingols-tadt ist nicht weit und Nürnberg auch nicht. Es fällt uns leicht, Anhaltepunkte zu finden – man braucht keinen Reiseführer, eigentlich nicht einmal einen der vielen Prospekte, die es überall gibt. Es genügt schon, dass auf vielen Anhöhen hier beeindruckende Bauwerke thronen. Schloss Hirschberg ist so eins: Zwei trutzburgige Eingangstürme, dahinter ein hübsches Rokoko-Höfchen, über das man leider nicht hinauskommt. Besichtigung, Führung? Nur nach telefonischer Anmeldung, heißt es auf einem Schild. Schade eigentlich: Wir bescheiden uns mit der Vorstellung hübscher Kammerkonzerte in dem Hof und bewundern den einzigen Löwenzahn, der sich aus dem Pflaster hervorwagt. Beim Wegfahren lohnt die nächste Höhe: In den Berg ist ein hausgroßes Loch geschlagen, sorgfältig abgesperrt, Kalksteingeröll liegt herum; dazu eine verlassene Lore mit Steinen beladen. Ein Mann erzählt, das sei ein aufgegebener Steinbruch, dann geht er Modellflugzeug mit seinem Sohn fliegen. Der Blick in die Landschaft von hier ist wunderschön – ein Schauspiel, das wir nach diversen Aufstiegen noch ein paar Mal erleben werden.
Zurück auf die Landstraße, es geht in die Berchinger Abtei Plankstetten, zum Maibockfest bei den Benediktinern. Blechmusik spielt, ein ganzer Ochse dreht sich am Spieß und es gibt aus-gezeichneten Eintopf, das Maibockeis (!) mundet, viele Leute sind hier unterwegs. Auf dem großen Gelände mit Abteikirche und großvolumigen Klostergebäuden sind Sanierungen im Gang. Frater Andreas Schmidt OSB von der Klosterverwaltung sagt, nach umfangreichen Untersuchungen solle die Fassade des Hauptgebäudes wieder das Aussehen der Barockzeit erhalten. Wie es genau gewesen sei, wisse man natürlich nicht, Fotos habe es ja damals nicht gegeben, scherzt er. Zum Kloster gehören heute 18 Mönche, darunter ein Bischof. Sie versor-gen sich selbst, betreiben ein mittelständisches Unternehmen mit fast 100 Mitarbeitern. „Unser Hauptanliegen“, sagt der Mönch, „ist die Bewahrung der Schöpfung“. Deshalb wirtschafte man ökologisch, als Ordenschristen hätte man eine „besondere Verantwortung“.
Wir finden noch eine Rarität: ein Stück vom alten Ludwigskanal. Viel mehr als eine opulente Brücke über einen bergwärts führenden Feldweg ist hier nicht zu sehen – die aufgegebene Wasserstraße hat Charme, die Natur holt sich ihr Recht zurück, auch hier könnten wir ein we-nig länger bleiben. Ludwig I. (1824-48), damaliger Bayernkönig, hat die Pläne Karls des Gro-ßen realisiert und mit seinem Kanal das Schwarze Meer mit der Nordsee verknüpft, weiß der Tourismusverband des Landkreises Kelheim.
Dorthin, nach Kelheim nämlich, wollen wir jetzt. Zu einem Riesenbau. Die Befreiungshalle, ebenfalls vom ersten Ludwigkönig angestoßen, soll an die Auseinandersetzungen mit Napo-leon erinnern und die Einheit Deutschlands. Drinnen gibt es Pathos pur: „Möchten die Teutschen nie vergessen was den Befreiungskampf nothwendig machte und wodurch sie ge-siegt“, steht in der Mitte auf dem Fußboden. Die Treppen zur rundgebauten Halle sind statt-lich, der Aufstieg zur Aussicht gut machbar. Unten steht einer und fotografiert mit einer auf-wändigen Kamera, auf den großen Treppenabsätzen lässt sich schön in der Sonne dösen, und das Ausflugscafé am Eingang zum Gelände brauchen wir gar nicht.
Das Städtchen Riedenburg, durch eine etwas übertrieben moderne Brücke über den Kanal ans Straßennetz gebunden, hat auch einen Halt verdient. Ein schlankes Schiff wartet auf seine zurückkehrenden Fahrgäste. Wir können zwischen mehreren Cafés wählen, in der Touristen-information im Rathaus sind selbst sonntags Prospekte zu haben, und in der Kirche verharren zwei einsame Beter. Sind das zu viele Idyllen, positive Kulissen? Was ist wirklich im Gang in dieser Gegend?
Wir besuchen Jörg Nowy, den Bürgermeister der Marktgemeinde Essing, einem 1.000-Seelendorf mit bis zu 30.000 Übernachtungen im Jahr. Das Publikum habe sich verändert, sagt er: Früher kamen viele Angler, heute sind viele Radfahrer zu Gast. Vor 35 Jahren, erzählt Nowy in seinem Rathaus, sei er mit einem kleinen Flugzeug über das Altmühltal geflogen, als es den Kanal noch nicht gab und die Altmühl noch im gewohnten Bett ruhte: „Da kam schon ein bisschen Wehmut auf“. Die Bauarbeiten schienen schon damals bevorzustehen. „Die Vor-teile“, sagt er über den Kanal, „überwiegen eindeutig“. Und der glänzend informierte Kom-munalpolitiker kann sehr genau darstellen, warum er dieser Ansicht ist. Nowy erinnert zu-nächst an den großen Flächenverbrauch, um den Kanal in die Landschaft zu integrieren. Heu-te stehe kaum noch Bauland zur Verfügung, „die Siedlungsentwicklung ist gehemmt“. Positiv findet er, dass sich seine Gemeinde ohne den Kanal nicht so stark habe entwickeln können. Südlich des Wassers sehe der Flächennutzungsplan vor, Landwirtschaft und Naturschutzge-biete zu erhalten. Das bedeutet: „Die Gemeinde kann keine Baugebiete ausweisen“.
Und seine Ortschaft, freut sich der Bürgermeister, habe im Zuge der Bauarbeiten eine unver-zichtbare Umgehungsstraße bekommen – früher, erinnert er sich, quälten sich alle Verkehre durch die engen Straßen im Ort – bei Ausflugsverkehr „war da schon mal Schicht im Schacht“.
Was ist denn mit den Befürchtungen aus der Bauzeit, der Kanal könne ein riesiger Monster-bau werden? „Die Kritiker haben erreicht, dass der Kanal landschaftsgebunden gebaut worden ist“, sagt Nowy. Es gebe Biotope und Altwasser, die nur der Natur überlassen blieben. Graureiher, Eisvogel, Libellen und Schmetterlinge hätten sich angesiedelt oder seien zurückgekehrt; nicht zuletzt gebe es keine Hochwasser mehr.
Das ist nur eine Meinung? Vielleicht. Wir streifen weiter herum: Die schöne Blautopfquelle am Rand von Essing ist auch so ein Ort zum sitzenbleiben, Zeit vergessen, ausruhen. Oder, nur wenige Kilometer entfernt, Burg Prunn, ebenfalls auf einer Höhe gelegen – Landschaftsblick wiederum inbegriffen. Dietfurt schließlich ist ebenfalls einen Abstecher wert: weniger wegen der Aufregung um den chinesischen Karneval, der hier gefeiert wird; eher schon wegen des nett hergerichteten Ortskerns mit seinen gedrungenen, mit dem Seitengiebel straßenwärts stehenden Häusern. Der Aufstieg auf den Katzenberg ist nicht zu verachten: Das Berg-aufwärtsgehen, vorbei an Kreuzwegstationen, bläst den Kopf frei, lenkt den Blick auf herrli-che, schmetterlingsbesuchte Wiesen und schließlich rundum in eine Welt hinaus, die aus sieben Flusstälern besteht, wie die Stadtmarketingleute wohl herausgefunden haben dürften.
Am Ende stimmt alles, und das ist gut. Es sind nicht zu viele Idyllen, wie vielleicht anderswo in Bayern. Wer mag, kann ins interessante Netzwerk der langen Geschichte eintauchen und eine Menge entdecken. An der Wasserfront, ahnen wir, scheint Frieden eingekehrt zu sein.
http://www.altmuehltal.de/

(2011)


Boston/MA

city of boston.jpg
Boston. Archivbild von 2002: Frank Berno Timm

Nein, von draußen ist Boston South Station gar nicht gleich als Bahnhof zu erkennen. Mitten im Häusermeer der amerikanischen Großstadt am Charles River säumt ein klassizistisches anmutendes, pompöses Gebäude eine Straßenecke. Ich bin einmal, zweimal quer durch die große Halle gegangen, fast wie bei uns mit Geschäften und Cafés gespickt: Zeitungen, Bücher, Coffeshop – und ich kann Schuhe putzen, Gepäck reparieren lassen.

Draußen braust Verkehr, viel davon ist mit einem gigantischen, nicht ganz skandalfreien Tunnelbauprogramm („the big dig“) unter die Erde verbannt worden. Aber Autos gibt es immer noch. Es ist gut, mal Zeit zu haben, ich orientiere mich grob in Richtung China Town, laufe durch die Straßen. Der Charme des Viertels ist kühl: Bürohochhäuser und Geschäfte. Leute, die vorbeieilen, alle beschäftigt. Drei, vier Straßen weiter steuere ich eine der amerikanischen Coffeshopketten an: „Love what you do“ haben sie sich als Überschrift gegeben. Vor Jahren fanden meine ersten Versuche, mich Amerikanern ohne fremde Hilfe verständlich zu machen, in so einem Shop statt, jetzt geht es, wenigstens, schon ein wenig flüssiger mit dem Reden. Ich lasse mich in einem großen, roten Sessel nieder, um das Leben draußen an mir vorbeiziehen zu lassen. „Careful, the beverage you’re about to enjoy is extremely hot“, warnt mich ein Aufdruck auf der Pappschlaufe, die über den Kaffeebecher geschoben ist. Draußen hält ein blankgewienerter, roter Ford; die hinteren Türscheiben sind mit der amerikanischen Fahne verziert, den Beifahrersitz hat sich ein erobert, der – so sieht es wenigstens aus – angeregt mit dem Herrchen ins Gespräch vertieft ist. Drinnen tagen Manager, treffen sich junge Leute – das Publikum an den Nachbartischen wechselt schnell.

Vielleicht ist das die neue Zeit? In der fremden Großstadt finde ich das Bekannte in der weltumspannenden Kaffeehauskette wieder? Noch einen draufgesetzt: Wer nicht mehr mit seinem Gegenüber spricht, putzt sein Auto bis es blitzt und sucht das Gespräch mit seinem Hund?

Wort schlechthin, und, immer wieder sind hier Begegnungen möglich, die einen in Überraschung, ja Erstaunen versetzen. Eine Grande Dame auf einer netten Nachbarschaftsparty stellt sich als ehemalige amerikanische Soldatin heraus, die die Besatzungszeit in Berlin in lebendigster Erinnerung hat – ihre Hochzeit dort inbegriffen. Oder: Eine Verkäuferin aus dem Supermarkt, die den europäischen Akzent meines Gastgebers näher zu ergründen sucht, entpuppt sich als Tschechin, die seit einem Jahrzehnt in den Staaten lebt.

Auf dem Sessel mir gegenüber, rot und bequem wie der meine, hat niemand Platz genommen. „Don’t think twice, be allright“, hat einer gesungen, „Road work ahead“ warnt das Schild, und die Stadt rauscht vorbei.
Frank Berno Timm

Boston-Links

Bostons NPR-Station, das Bostoner Verkehrsunternehmen MBTA , Kaffee gibt es bei Starbucks , und  die Zeiten ohne Boston kann man hier überbrücken.

3 Gedanken zu “UNTERWEGS – Reisereportagen und Bilder

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